CARSTEN RACHOW GEISTiges Heilen

Stufen des Bewusstseins und Entwicklungslinien

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Menschen in verschiedenen Bereichen so offensichtlich ungleich entwickelt sind? Es gibt z.B. Menschen mit einem stark entwickelten logischen Denken, aber kaum entwickelter Gefühlswelt. Andere sind kognitiv weit fortgeschritten (sie sind äußerst klug), aber ihre moralische Entwicklung ist dürftig (sie sind gemein und skrupellos). Und wiederum andere verfügen über eine hervorragende emotionale Intelligenz, können aber nicht zwei und zwei zusammenzählen.

 

Howard Gardner machte diese verschiedenen Entwicklungslinien mit dem Begriff „multiple Intelligenzen“ populär. Menschen besitzen zahlreiche verschiedene Intelligenzen wie kognitive Intelligenz, emotionale Intelligenz, musikalische, kinästhetische, moralische usw. Weil diese Intelligenzen Wachstum und Entwicklung zeigen, heißen sie auch „Entwicklungslinien“. Sie entfalten sich in fortlaufenden Stufen. Welches sind diese Stufen? Es sind „die Stufen des Bewusstseins“ – und genau darüber, über das Wachstum oder die Entfaltung von Stufen und Linien, berichtet der folgende Text.

 

Ihr

Carsten Rachow

Regenbogenwellen und schimmernde Ströme

 

(gekürzt zitiert aus: Ken Wilber, „Integrale Vision“, Kösel-Verlag 2009,

Abschnittsüberschriften von Carsten Rachow)

 

Beginnen wir mit … dem Inneren eines Individuums und schauen uns dieses faszinierende Phänomen der multiplen Intelligenzen (oder Entwicklungslinien) einmal genauer an.

 

Entwicklungslinien

Wir haben bereits gesehen, dass jede und jeder von uns mindestens ein Dutzend Hauptentwicklungslinien besitzt, zu denen Bedürfnisse, Werte, Erkenntnis, Moral und Selbst gehören. Jede dieser Linien ist von zahlreichen Entwicklungsforschern untersucht worden. Abbildung 14 zeigt ein Psychogramm, das die Resultate einiger der bekanntesten und am meisten respektierten dieser Forscherinnen und Forscher zusammenfasst. (Anm. CR: Abb. 14 habe ich, damit sie technisch in diese Page passt, in enger Anlehnung an das Original erstellt.)     

Ebenen des Bewusstseins

Zunächst fällt Ihnen vielleicht auf, dass die Ebenen oder Wellen des Bewusstseins in Regenbogenfarben dargestellt sind. Diese Darstellungsweise ist in den Weisheitstraditionen allgemein verbreitet und erlaubt uns, diese Ebenen auf eine ganz generelle und, nun eben, vielfarbige Weise zu erläutern. Der Regenbogen steht einfach für die vertikale Höhe – oder den Entwicklungsgrad (den Grad an Bewusstsein oder Komplexität) jeder Linie. So können wir die verschiedenen Ebenen in zahlreichen verschiedenen Entwicklungslinien leicht miteinander vergleichen, denn wir sehen, welche sich auf derselben Regenbogenhöhe befinden. Genau das tut zum Beispiel Abbildung 14. (Halten Sie sich nicht bei den Zwischenfarben wie Bernstein oder Petrol auf – sie wurden gewählt, um sich in einige Modelle einzufügen, die ebenfalls Farben benutzen. Die grundlegende Idee ist die, dass der Regenbogen mit seinen Farben ein Spektrum des Bewusstseins darstellt …)

 

Hierarchien

Ganz links im Diagramm befindet sich eine der bekannteren Entwicklungslinien, die von Maslows Bedürfnishierarchie, was bedeutet …

Nun, vielleicht sollten wir hier innehalten und uns zuerst einmal mit den enormen Missverständnissen befassen, die mit dem Wort „Hierarchie“ verbunden sind. Für viele Menschen ist das inzwischen ein schmutziges Wort, und die Gründe dafür sind verständlich. Doch es gibt mindestens zwei ganz unterschiedliche Typen von Hierarchien, welche die Forscher als Unterdrückungshierarchien (oder Herrschaftshierarchien) und als Wachstumshierarchien (oder Verwirklichungshierarchien) bezeichnen. Eine Herrschaftshierarchie ist einfach ein Rangsystem, das Menschen beherrscht, ausbeutet und unterdrückt. Die bekanntesten dieser Hierarchien sind die Kastensysteme in Ost und West. Jede Hierarchie, die das individuelle oder kollektive Wachstum untergräbt, ist eine Herrschaftshierarchie.

Verwirklichungshierarchien hingegen sind die konkreten Mittel von Wachstum selbst. Weit davon entfernt, Unterdrückung zu bewirken, sind sie genau das, womit sie diese beenden. Wachstums- oder Entwicklungshierarchien verlaufen bei Menschen im klassischen Fall von egozentrischen zu ethnozentrischen zu weltzentrischen zu kosmozentrischen Wellen. In der natürlichen Welt gibt es überall Wachstumshierarchien. Die allgemeinste ist die Entfaltung von Atomen zu Molekülen zu Zellen zu Organismen. Wachstumshierarchien sind immer ineinander gebettete Hierarchien, was bedeutet, dass jede höhere Ebene die ihr vorangehenden Ebenen transzendiert und miteinbezieht. Organismen transzendieren und umfassen Zellen, welche Moleküle transzendieren und umfassen, die wiederum Atome transzendieren und umfassen, welche Quarks transzendieren und umfassen, usw.

 

Wachstum

In einer Wachstumshierarchie unterdrücken die höheren die unteren Ebenen nicht, sie schließen sie mit ein! Sie beziehen sie in einem ganz konkreten Sinne mit ein und umfassen sie. Jede Ebene in einer Wachstumshierarchie rangiert tatsächlich in einer höheren ‚Archie’ (Wortspiel mit der Wortendung von Hierarchie und der Bogenform des Regenbogens, amerikanisch Bogen = arch, Anm.d.Ü.), denn sie stellt ein Anwachsen der Kapazitäten für Anteilnahme, Bewusstsein, Erkenntnis, Moral usw. dar. Wachstum ist eine Entwicklung, die Umhüllung ist – von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch zu kosmoszentrisch. Sämtliche in Abbildung 14 dargestellten Hierarchien sind Wachstumshierarchien oder verschiedene Ströme, die durch Wellen fließen, von denen sie zunehmend umhüllt werden.

 

Kurz gesagt: Herrschaftshierarchien bewirken Unterdrückung, Wachstumshierarchien beenden diese. (Können Sie sehen, warum es so verheerend ist, wenn wir alle Hierarchien verdammen?)

 

Bedürfnisse

Kehren wir zu Maslows Bedürfnishierarchie zurück … Abraham Maslows gründliche Forschungen zeigten, dass sich Individuen meist durch eine Wachstumsfolge von Bedürfnissen bewegen. Während eines der unteren Bedürfnisse befriedigt oder erfüllt wird, zeichnet sich oft ein höheres Bedürfnis ab. Körperliche Bedürfnisse – nach Nahrung, Unterkunft und grundlegenden biologischen Erfordernissen – sind die einfachsten. Sind diese Bedürfnisse befriedigt, kommt allmählich ein individuelles Selbstgefühl mit seinen Bedürfnissen nach Selbstschutz und Sicherheit zum Vorschein. Sind diese Bedürfnisse erfüllt, sucht das Individuum nicht nur nach Sicherheit, sondern nach Zugehörigkeit. Ist diese Zugehörigkeit erst einmal gesichert, entstehen beim Individuum meist neue Bedürfnisse nach Selbstachtung, die sein Verhalten motivieren. Sind diese befriedigt, zeigen sich allmählich noch höhere Bedürfnisse des Selbst, die Maslow als Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung bezeichnete. Und werden diese erfüllt, sind Individuen meistens motiviert durch Bedürfnisse nach Selbsttranszendenz, das heißt, sie haben nicht nur ein Bedürfnis nach Selbsterfüllung, sondern sehnen sich danach, ganz über das Selbst hinauszuwachsen in höhere, tiefere und weitere Kreise und in eine Welle der Anteilname und des Bewusstseins, von denen einige eindeutig transpersonale oder spirituelle Züge zu tragen beginnen.

 

Weltsichten

Die berühmteste dieser Entwicklungsfolgen ist wahrscheinlich die von Jean Gebser. Sie verläuft von archaisch zu magisch zu mythisch zu rational zu pluralistisch zu integral. Das Großartige an Gebsers Stufen ist, dass sie so ziemlich genau das bedeuten, wonach sie klingen. (Ich habe seine höchste Stufe noch einmal in zwei unterteilt, was hilfreich ist.) Und Gebser selbst hat darauf hingewiesen, dass seine „integrale Stufe“ in Wirklichkeit einfach die Öffnung für höhere (oder „super-integrale“ und transpersonale) Stufen ist.

 

Kognition

Besonders deutlich können wir das sehen, wenn wir den Entwicklungsstrom der Kognition oder der Fähigkeit zu Gewahrsein und dem Einnehmen von Perspektiven betrachten. Die kognitive Linie in Abbildung 14 ist eine Verschmelzung der wichtigsten Forschungen von Michael Commons & Francis Richards, Jean Piaget und Sri Aurobindo und zeigt, dass sich Erkenntnis vom sinnlichen Geist zum konkreten Geist zum formalen Geist zum höheren Geist zum luziden Geist zum intuitiven Geist zum Über-Geist zum Super-Geist entfaltet. Beachten Sie wieder, dass die allerhöchsten Stufen transpersonal oder spirituell auszusehen beginnen.

 

Werte

Als Nächstes können wir uns die Arbeit von Clare Graves über das, was er Wertesysteme nannte, anschauen und deren popularisierte Version in Form eines Modells namens Spiral Dynamics (das Don Beck und Christopher Cowan entwickelt haben). Auf der magisch-animistischen Stufe sind die Werte tatsächlich „magisch“ und „animistisch“, und Elementargewalten beherrschen auf magische Weise die Welt. Auf der egozentrischen Stufe kommen die Machttriebe zum Vorschein und rücken in den Mittelpunkt; die eigenen Werte kreisen vor allem um „mich/mir“ und „meine Macht“. Mit den absolutistischen Werten bewegen sich die eigenen Werte vom „Mir/Mich/Mein“ zum „Wir“ oder vom Egozentrischen zum Ethnozentrischen. Auf dieser Stufe glauben Menschen, dass sie diese Werte von einer ewigen Quelle empfangen, die absolut und ausschließlich wahr für jeden Menschen ist (sei es die Bibel, der Koran oder die kleine rote Mao-Bibel); wer diese Werte verletzt, ist vorübergehend oder vielleicht sogar auf ewig verdammt. Hier wird oft von „mythischer Mitgliedschaft“ gesprochen, denn wer an die ethnozentrischen Mythen nicht glaubt, kommt in große Schwierigkeiten.

Während die Entwicklung von mythisch-konformistisch zur nächsten Stufe übergeht, wechseln die eigenen Werte von ethnozentrischen zu beginnenden weltzentrischen, was Graves den Wechsel von absolutistisch zu multiplistisch nannte; das heißt, es gibt viele verschiedene Wege, die Wirklichkeit zu betrachten, nicht nur einen streng richtigen Weg. Das führt zu einem Wechsel von traditionellen Werten zu modernen Werten. Diese Differenzierung setzt sich bis zur nächsten Stufe fort, die Graves die relativistische nannte, weil es nicht nur eine Vielzahl unterschiedlicher Überzeugungen gibt, sondern diese sind alle relativ, was zu einer typischen postmodernen und pluralistischen Weltanschauung führt. Tatsächlich ist diese Weltanschauung so pluralistisch, dass sie oft zu einer völlig zersplitterten und entfremdeten Sicht wird, die in Nihilismus, Ironie und Sinnlosigkeit versinkt (kommt Ihnen das bekannt vor?). Erst auf der nächsten Stufe, der systemischen, kann schließlich eine wirklich integrierte und kohärente Weltsicht emergieren, die den Beginn dessen ermöglicht, was ein Soziologe als Integrales Zeitalter bezeichnete. Clare Graves spricht hier vom Wechsel der Werte des ersten Ranges (gekennzeichnet durch ihre Pluralität) zu den Werten des zweiten Ranges (gekennzeichnet durch ihre integrierte Natur).

 

Erster, zweiter und dritter Rang

Clare Graves war einer der Forscher, die als erste den unglaublich wichtigen Unterschied zwischen dem ersten Rang und dem zweiten Rang der Entwicklung entdeckten. Worin besteht dieser außergewöhnliche Unterschied? Alle Stufen des ersten Ranges glauben fest daran, dass ihre Werte die einzig wahren und richtigen sind; alle anderen Werte zeugen ihrer Meinung nach von großer Verwirrung. Doch beginnend mit dem Sprung zum zweiten Rang – oder dem Anfang der wirklich integralen Ebenen – fangen Menschen an zu verstehen, dass alle anderen Werte und Stufen auf ihre Weise für ihre eigenen Ebenen ebenfalls richtig oder angemessen sind. Der zweite Rang schafft Raum für sämtliche anderen Werte und beginnt, sie alle zusammenzubringen und in umfassendere Gewebe von Anteilnahme und Einschließlichkeit zu integrieren. …

Der Entwicklungssprung vom ersten Rang zum zweiten Rang ist ein Sprung von Fragmentierung und Entfremdung zu Ganzheit und Integration, von Nihilismus und Ironie zu tiefem Sinn und Wert.

 

Diese integrale Entwicklung setzt sich fort bis in die Wellen des dritten Ranges (oder „super-integral“ und superpersönlich), die Jenny Wade in ihrer Erweiterung von Graves’ System als transpersonal und als unitive (zum Ganzen strebend, Anm.d.Ü.) bezeichnet.

 

Ich-Entwicklung

… Die differenzierte Theorie und Forschung von Jane Loevinger über die Stufen der Ich-Entwicklung (gehört wahrscheinlich zu den anerkanntesten Forschungen dieser Art.) Eine von Loevingers wichtigsten Studentinnen und Nachfolgerinnen, Susann Cook-Greuter, hat bedeutende Forschungen über die höchsten Ebenen des dritten Ranges der Ich-Entwicklung betrieben …

 

… Der erste Rang des Wachstums (beinhaltet) die Entwicklung von präpersonal zu personal; auf dem zweiten Rang geht es um die integrierte persönliche Entwicklung (und den Beginn der „integralen“ Stufen); und der dritte Rang beinhaltet die transpersonale Entwicklung (oder den Beginn der „super-integralen“ Stufen).

 

Evolution und Entwicklung verlaufen also insgesamt von präpersonal zu personal zu transpersonal, von unbewusst zu ich-bewusst zu über-bewusst, von prä-rational zu rational zu trans-rational, von prä-konventionell zu konventionell zu post-konventionell, vom Es zum Ich zum GEIST.

(Der transzendente GEIST (engl. spirit) wird, um ihn vom denkenden Geist oder Verstand (engl. mind) zu unterscheiden, hier in Großbuchstaben geschrieben, so, wie es sich in den deutschen Übersetzungen von Wilbers Schriften eingebürgert hat. Anm.d.Ü.)

 

Mit der transpersonalen Entwicklung oder dem dritten Rang beginnt das eigene Ich über den persönlichen Bereich hinaus in ein Reich von großer Weite, leuchtender Klarheit und Erfahrungen von Einheit hineinzuwachsen, die alle einen eindeutig spirituellen Geschmack haben. Aber anders als die magischen und mythischen Ebenen, die lediglich Ideen und dogmatische Glaubensvorstellungen sind, sind dies Ebenen der direkten Erfahrung und des unmittelbaren Gewahrseins.

 

 

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„Die meisten Menschen sind in ein, zwei oder drei Linien gut oder sehr gut, in anderen aber unterentwickelt. Das ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes; es bedeutet unter anderem, dass wir herausfinden sollten, in welchem Bereich wir glänzen und der Welt unsere größten Geschenke machen können. Das ‚integrale Psychogramm’ irgendeines Menschen auf der Basis von Entwicklungsstufen und –linien könnte also etwa so aussehen, dass er kognitiv weit und in seiner zwischenmenschlichen Entwicklung gut vorangekommen ist, er aber moralisch eher schwach und seine emotionale Intelligenz geradezu dürftig ist.

Die Kenntnis von Stufen und Linien bedeutet auch, dass wir unser Wissen um unsere Fähigkeiten und deren Grenzen so verfeinern können, dass wir sowohl unsere Stärken als auch unsere Schwächen zuverlässiger einschätzen und besser damit umgehen können. Weil wir praktisch alle ungleich entwickelt sind, müssen wir auch nicht denken, nur weil wir auf einem Gebiet großartig sind, müsste das auch auf allen anderen Gebieten der Fall sein – tatsächlich stimmt meistens das Gegenteil. Viele führende Persönlichkeiten, spirituelle LehrerInnen oder Politiker haben spektakuläre Abstürze erlebt, weil sie diese simplen Realitäten nicht begriffen haben.“

 

 

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