Spirituelle Erfahrungen und die Stufen des Bewusstseins

oder: Warum es viele Christusse gibt ...
Wenn Sie mit Freunden (oder wem auch immer) über die Begriffe „Spiritualität“ und „spirituell“ sprechen, dann ergeht es Ihnen vielleicht so, wie es mir zumeist ergangen ist: „Spirituell“ zu sein, muss irgendwie bedeuten, „lieb“ und „eins mit allem“ zu sein. Oder so ähnlich. Wenn Sie dann dazu einige konstruktive, aber durchaus kritische Bemerkungen machen, dann sind Sie ganz schnell „unspirituell“ – weil „lieb und mit allem eins zu sein“ ganz offensichtlich bedeuten soll, nichts und niemanden zu bewerten und zu beurteilen. Diese und ähnliche "spirituelle" Deutungen übersehen dabei in schöner Regelmäßigkeit, dass die Empfehlung, "nichts und niemanden zu bewerten" natürlich selbst die Folge eines bewertenden Urteils ist. Nun ja … (siehe dazu auch: "Idiotisches Mitgefühl und wertende Urteile")
Tatsächlich gibt es mehr als nur eine Spiritualität. Es gibt Stufen des interpretierenden spirituellen oder religiösen Bewusstseins und es gibt verschiedene spirituelle oder religiöse Zustände, die Sie erfahren können. Wenn man beides kombiniert – Stufen und Zustände -, bekommt man einen erweiterten Überblick über das, was „spirituell“ zu sein wirklich bedeuten könnte.
Testen Sie sich einmal selbst: Wer von diesen Menschen ist spiritueller? Die betende Nonne im Kloster, der Goldkettchen tragende Fahrer im roten Ferrari oder der vegetarische Naturfreund und Umweltschützer? – Die Antwort erschließt sich Ihnen vielleicht während des Studiums des folgenden Textes; und wenn nicht, gibt es die Lösung ganz zum Schluss im Anhang. Viel Vergnügen.
Ihr
Carsten Rachow

Sind Sie das: „Spirituell, aber nicht religiös“?
(gekürzt zitiert aus: Ken Wilber, „Integrale Vision“, Kösel-Verlag 2009;
fett gedruckte Hervorhebungen von Carsten Rachow)
Die Forschung zeigt konsistent, dass Sie auf praktisch jeder Ebene oder Stufe des Wachstums tiefe, authentische religiöse Erfahrungen, das heißt Gipfelerfahrungen machen oder veränderte Bewusstseinszustände erleben können. … Diese Gipfelerfahrungen sind deswegen möglich, weil viele der Hauptbewusstseinszustände (wie z.B. wachend-grobstofflich, träumend-subtil und formlos-kausal) als Möglichkeiten immer präsent sind. Wie diese natürlichen Zustände sind offensichtlich auch bestimmte religiöse oder spirituelle Zustände immer präsent oder zumindest immer möglich.
Wie sehen typische spirituelle Zustände oder Gipfelerfahrungen im Wachzustand aus? Ein ziemlich typisches Beispiel wäre das, dass Sie in der Natur spazieren gehen und eine Gipfelerfahrung machen, bei der Sie eins sind mit der ganzen Natur. Nennen wir das Naturmystizismus. Wie sieht ein typischer spiritueller Zustand oder eine spirituelle Erfahrung im Traumzustand aus? Vielleicht träumen Sie von einer großen, leuchtenden Wolke, die ganz aus Licht und Liebe besteht, und haben das Gefühl, mit dieser unendlichen Liebe eins zu werden. Nennen wir das Gottesmystik. Und können wir auch im tiefen traumlos-formlosen Zustand eine entsprechende spirituelle Erfahrung machen? Offensichtlich ja, denn manche spirituellen oder religiösen Erfahrungen werden mit den Worten „leer“, „formlos“, „nicht-manifest“ beschrieben – Leerheit, unendliche Tiefe, Urgrund, Ayin usw. Nennen wir das formlosen Mystizismus. (Wir sprechen hier auch von kausalem Mystizismus, bezogen auf den kausalen oder formlosen Zustand selbst.) Und schließlich gibt es auch fließende Zustände, das heißt Erfahrungen, bei denen ein Individuum sich eins fühlt mit allem, was in welchem Zustand auch immer auftaucht. Nennen wir das nicht-dualen Mystizismus.
Der Punkt ist, dass Sie jede dieser spirituellen Zustands-Erfahrungen auf praktisch jeder Entwicklungsstufe machen können, einfach weil Sie auf jeder Stufe wachen, träumen und schlafen. Sie können sich zum Beispiel in irgendeiner Entwicklungslinie – sagen wir auf der Ebene von Orange – befinden und eine grobstoffliche, subtile, kausale oder nichtduale Gipfelerfahrung machen. (Anm. CR: Mit „Orange“ bezeichnet Wilber in Anlehnung an das Farbspektrum des Regenbogens eine der sieben Hauptstufen des Bewusstseins. Mehr dazu siehe nachfolgende Abb. "Das Wilber-Combs-Raster")
Ein Aspekt dessen, was Forscher im Laufe der letzten 30 Jahre über die Beziehung zwischen Zuständen und Stufen erfahren haben, ist äußerst wichtig: Jeden spirituellen (meditativen, veränderten) Bewusstseinszustand interpretieren Sie entsprechend Ihrer jeweiligen Bewusstseinsstufe, das heißt, entsprechend Ihrer Entwicklungshöhe. …
Um dafür ein Beispiel zu geben, wollen wir ein einfaches Schema mit sieben Bewusstseinsstufen (archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral, super-integral) und vier Typen von Bewusstseinszuständen (grobstofflich, subtil, kausal, nondual) benutzen, was 4 x 7 oder 28 Typen von spirituellen oder religiösen Erfahrungen ergibt. Und für jede einzelne ist wissenschaftliches Beweismaterial gefunden worden …
Wilber-Combs-Raster: 7 Stufen und 4 Zustände des Bewusstseins
Dieses Gitter oder Raster, das Zustände und Stufen miteinander kombiniert, heißt Wilber-Combs-Raster nach seinen zwei Begründern (siehe Abbildung).
Lassen Sie mich ein kurzes Beispiel dafür geben, wie dieses Raster funktioniert. Sagen wir, eine Person macht eine Gipfelerfahrung, bei der sie eine strahlend weiße, leuchtende Wolke sieht. Sie hat das Gefühl, mit diesem Licht zu verschmelzen, und verspürt dabei unendliche Liebe und grenzenlose Glückseligkeit. Sagen wir, diese Person ist Protestant und (ihre kulturelle Umgebung) prädisponiert sie dafür, diese Erfahrung in christliche Begriffe zu kleiden. Was sieht diese Person?

Wenn Sie sich auf der Höhe von Rot (= magisch, Anm. CR) befindet, deutet sie diese Erfahrung möglicherweise als magischen Jesus, der auf Wasser wandeln, Tote auferstehen lassen, Wasser in Wein verwandeln und aus einem Laib Brot und einem einzigen Fisch viele machen kann. Bei Bernstein (= mythisch) kann sie in Jesus den Überbringer ewiger Gesetze sehen, der jenen vollständige Erlösung verheißt, die an die entsprechenden Mythen und Dogmen glauben, die dem auserwählten Volk übermittelt werden und die in dem einen und einzig wahren Buch (der Bibel) zu finden sind. Auf der Höhe von Orange (= rational) kann diese Person in Jesus einen universalen Humanisten sehen, der zugleich göttlich ist und weltzentrische Liebe und Moral lehrt; der uns nicht nur im Himmel, sondern bis zu einem gewissen Grad auch auf dieser Erde, in diesem Leben Erlösung bringen kann. Bei Grün (= pluralistisch) betrachtet dieser Mensch Jesus wahrscheinlich als eine/n von vielen spirituellen Lehrerinnen und Lehrern, deren Lehren alle die gleiche Gültigkeit besitzen, und deshalb kann Jesus mir, wenn ich ihn in mein Herz lasse, vollständig Erlösung zuteil werden lassen, weswegen ich mich mit Inbrunst für ihn öffne.
Doch andere Individuen und Kulturen mögen andere spirituelle Wege finden, die für sie angemessener sind. Und ich weiß, dass alle wirklich spirituellen Wege, wenn sie nur tief genug gehen, die gleiche Erlösung und Befreiung mit sich bringen können. Schwingt sich diese Person bis zur Höhe von Türkis (= integral) auf, kann sie Jesus als Manifestation ein und desselben Christus-Bewusstseins sehen, zu dem jeder Mensch, auch Sie und ich, uneingeschränkt Zugang bekommen können. Hier ist Jesus also sinnbildlich für ein transformatives Bewusstsein, das uns zeigt, dass jeder Mensch Teil eines weitläufigen Systems von dynamischen, sich gegenseitig durchdringenden Prozessen ist, die uns alle in ihren weiten, leuchtenden Horizont mit einbeziehen. Auf der Höhe von Violett und Ultraviolett (= super-integral und höher) kann das Christusbewusstsein als Symbol für das transzendentale, unendliche, selbstlose Selbst gelten, das göttliche Bewusstsein, das in Jesus war und das in Ihnen und in mir ist; ein radikal alles umfassendes Bewusstsein von Licht, Liebe und Leben, das auf den Tod des lieblosen, selbstbezogenen Egos hin aus dem Strom der Zeit erlöst wird und ein Schicksal jenseits von Tod und Leid, Raum und Zeit, Tränen und Schrecken offenbart und deswegen genau hier, genau jetzt in diesem Augenblick, in dem alle Realität ins Sein tritt, zu finden ist.
Mit anderen Worten: Erfahrungen mit anderen Bewusstseinszuständen werden zum Teil entsprechend der Stufe interpretiert, auf der sich der oder die Betreffende befindet. Es gibt einen magischen Christus, einen mythischen Christus, einen rationalen Christus, einen pluralistischen Christus, einen integralen und einen super-integralen Christus usw. Das gilt natürlich für jede Erfahrung, wird aber besonders wichtig bei spirituellen und religiösen Erfahrungen. Eine Person kann sich auf einer ziemlich niedrigen Entwicklungsstufe befinden, wie Rot oder Bernstein, und dennoch eine vollständige und authentische Erfahrung mit subtilen oder kausalen Zuständen machen.
Der wiedergeborene Fundamentalist und Evangelist ist dafür ein ganz allgemeines Beispiel. Diese Person weiß, dass sie Christus (oder Allah, Maria oder Brahman) persönlich erfahren hat, und nichts, was Sie dagegen einwenden, wird sie auch nur ansatzweise davon abbringen. Und sie hat auch halbwegs Recht: Diese Menschen haben eine authentische, lebendige, reale und unmittelbare Erfahrung von Wirklichkeit im subtilen Zustand gemacht. Aber sie interpretieren diesen Zustand auf der Grundlage von Stufen, die egozentrisch oder ethnozentrisch sind: Jesus, und nur Jesus, ist der einig wahre Weg. Und was noch schlimmer ist, ihre reale oder authentische Zustands-Erfahrung von Liebe verstärkt tatsächlich ihren Ethnozentrismus. Nur wer an Jesus als seinen persönlichen Erlöser glaubt, findet auch Erlösung. Alle anderen sind der ewigen Verdammnis der Hölle ausgeliefert und das durch einen Gott, der alle liebt und alles verzeiht. Macht dieser heftige Widerspruch auch nur den geringsten Sinn? Ja, wenn Sie das Wilber-Combs-Raster benutzen.
Die Existenz von Bewusstseinszuständen erlaubt uns zu sehen, warum Menschen selbst auf relativ niedrigen Entwicklungsebenen Erfahrungen machen können, die in gewisser Weise sehr spirituell und authentisch sind. Deshalb sind diese Erfahrungen tatsächlich auch so verbreitet. Während der Prozentsatz der Bevölkerung, der sich auf den höchsten … Ebenen der Entwicklung befindet, offensichtlich weniger als 1 % beträgt, liegt er bei denen, die von eigenen spirituellen oder religiösen Erfahrungen berichten, laut vieler Umfragen bei über 75 %. Wenn wir das (Wilber-Combs-Raster) benutzen, beginnen diese ansonsten völlig widersprüchlichen Daten Sinn zu machen: 1 % haben spirituelle Erfahrungen mit höheren Stufen gemacht; 75 % hatten spirituelle Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen.
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„Und hier nun die Antwort auf die „spirituelle“ Rätselfrage: Nein, es ist nicht die Nonne, die am spirituellsten ist – alle drei sind es, die Nonne, der Ferrari-Fahrer und der Umweltschützer. Sie alle haben das, was Paul Tillich meinte: „spirituell“ bezeichne das, was auf das höchste Anliegen eines Menschen verweist. So mag es das höchste Anliegen der Nonne sein, treu und fromm Gott zu dienen; das höchste Anliegen des Ferrari-Fahrers mag die sinnenfrohe Lust am Leben sein und das des Naturfreundes der Schutz der einzigartigen Umwelt. Niemals ist ein Mensch ohne irgendeine Form dieses spirituellen höchsten Gewahrseins und dieser für ihn bedeutsamen „Sinn-Investition“ (Wilber). So gesehen, hat tatsächlich jeder von uns eine Religion. Und wenn Sie diese spirituelle Vielfalt entlang der Stufen und Zustände des Bewusstseins sehen, erkennen und akzeptieren können, dann sind Sie „höher“ als Grün. Der Ferrari-Fahrer ist vielleicht nicht für alle und in jeder Lage „lieb und eins mit allem“, aber auch er ist „spirituell“, er hat ein höchstes Anliegen, das seine Seele hüpfen, sein Herz schlagen und seine Augen leuchten lässt.“
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Mehr über die Stufen und Entwicklung finden Sie hier: "Stufen des Bewusstseins"