Meditative Selbstbesinnung
Woher kommt die Energie, die ein Heiler aktivieren, bereitstellen, zum Fließen bringen kann? Was muss ein Heiler tun, um sich in diesen außergewöhnlichen Zustand zu versetzen? – Nun, ich bin weit davon entfernt, hier letztgültige Antworten liefern zu können. Es dürfte aber wohl kein Zufall sein, dass viele Heiler und Lehrer immer wieder auf eine Veränderung ihres inneren Zustandes hinweisen. Mit dem normalen Wachbewusstsein, mit dem wir etwa beim Einkaufen, im Beruf oder beim Fernsehen agieren, scheint heilende Energie jedenfalls nicht aktiviert werden zu können.
Häufig ist stattdessen – so auch bei mir - von einem veränderten Bewusstseinszustand, von einer Art ‚Trance’, von innerer Ruhe und Entspanntheit und speziellen Atemtechniken die Rede. Der nachfolgende Text über „Meditative Selbstbesinnung“ in der christlichen Mystik beschreibt, was passieren kann und wird, wenn man beharrlich und selbstvertrauend den Weg nach Innen einschlägt.
Ihr
Carsten Rachow

III.
MEDITATIVE SELBST-BESINNUNG
(gekürzt zitiert aus: K.O. Schmidt; „Das Thomas Evangelium, Geheime Herren-Worte frühchristlicher Handschriften; Drei Eichen Verlag 1996; fett gedruckte und blau-farbige Hervorhebungen von Carsten Rachow)
Wer statt nach außen nach innen blickt und sich in selbstbesinnendem Schweigen einwärts wendet, der wird, je tiefer er dringt, um so deutlicher die Nähe und das Wirken eines inneren Kraftfeldes spüren, das seinem Wesen nach über den Menschen hinausragt und als göttlich erfahren wird (Die "göttliche" Erfahrung ist immer mitgeprägt vom kulturellen Hintergrund und von der Bewusstseinsstufe oder -höhe des Meditierenden. Sie kann - horizontal gedacht - als christliche, als buddhistische, als hinduistische Erfahrung interpretiert werden und wird - vertikal gedacht - immer auf Basis der individuell erreichten Bewusstseinsstufe gedeutet werden. Im Ergebnis gibt es - im Falle eines christlichen Kulturkontexts - nicht etwa einen Jesus Christus, sondern viele. Siehe dazu auch: "Spirituelle Erfahrungen - warum es viele Christusse gibt".)
Diese Erfahrung des Vorhandenseins einer übergeordneten inneren Macht stellt sich beim einen rascher, bei anderen langsamer ein. Im Grunde seines Wesens ist aber jeder darauf angelegt. Und wenn er auch nur am Rande von dieser Erfahrung berührt wird, weiß er, dass Religion nichts anderes ist als das Bewusstsein seines unmittelbaren Verbundenseins mit dieser inner- und überweltlichen Macht und Kraft.
In dem Augenblick, da er den lichten Kern seines Wesens erlebt, begreift er, warum Jesus ihn den „Vater, der in mir ist“, nannte und warum er sagen konnte: „Ich und der Vater sind eins.“
Was Jesus mit seiner Frohbotschaft wollte und worauf die Worte des Thomas-Evangeliums abzielen, ist, dass jeder zur Erleuchtung findet, sich als Kind des Ewigen, als Erben des Reiches Gottes erkennt, zum Bewusstsein der Gottunmittelbarkeit erwacht. Er wollte, dass alle, die ihm nachfolgen, gleich ihm zur Wiedergeburt gelangen, in der das Ich zurücktritt und das göttliche Selbst die Führung übernimmt. (Gemeint ist keine "Fremdführung" durch ein ontologisch anderes Selbst - das Ich tritt zurück und etwas anderes erscheint an seiner Stelle -, sondern das, was Wilber als Ego-Transzendenz beschreibt: "... also das Ich in einer höheren und tieferen Umschließung zu transzendieren und einzuschließen, zunächst in der Seele oder dem tieferen Psychischen, dann im Zeugen oder ursprünglichen SELBST und dann, wenn man die vorangegangenen Stufen bewältigt und in sich aufgenommen hat, im Leuchten des Einen Geschmacks. Dies bedeutet also nicht, dass man sich von dem kleinen Ich befreit, sondern vielmehr, dass man ganz in es einzieht, es mit Begeisterung lebt, es als den notwendigen Träger sieht, durch den höhere Wahrheiten vermittelt werden. Seele und GEIST schließen Körper, Emotionen und Geist ein; sie löschen sie nicht aus." Siehe dazu auch: "Über das gesunde Ego")
Und wie gelangt der Mensch zu dieser bewusstseinserweiternden Berührung mit dem inneren Kraftfeld und zur Einswerdung?
Auf dem Wege meditativer Selbstbesinnung, auf dem ihm, wenn er einmal von der inneren Kraft wie von einem Starkstrom erfasst wurde, bewusst wird, warum die Gläubigen aller Religionen in Gebet und Meditation Trost und Antwort, innere Führung und neuen Lebensmut fanden und finden.
Um Gleiches zu erfahren, muss er sich täglich aufs neue der Hast und Unrast des äußeren Lebens für eine Weile entziehen, die äußeren Sinne schließen und die inneren öffnen, alle Dinge, Sorgen und Fragen lassen und, statt auf sein Ich und dessen Wünsche, auf sein innerstes Selbst blicken, sich ihm hingebend lauschend zuwenden und gelassen warten, bis der innere Mensch sich erhebt und das ewige Selbst allerhellend aufstrahlt.
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„Bitte beachten Sie, dass tiefe meditative oder kontemplative Erfahrungen nicht als 'objektive' Realitäten einfach so gegeben, sondern vielmehr immer mitgeprägt und mitkonstruiert sind durch die intersubjektiven und kulturellen Hintergründe, in die der Meditierende eingebunden ist. Was Sie in der Meditation oder im kontemplativen Gebet sehen, ist nicht real im Sinne einer von Ihnen unabhängigen, 'da oben' auf Sie wartenden Realität (der Mythos des scheinbar Gegebenen), sondern immer mitkonstruiert, etwa durch Ihren religiösen Kontext. Wie viele kontemplative Christen sehen, wenn sie meditieren, 'innere Gottheiten' mit 10.000 Armen (eine im Osten weit verbreitete Erscheinungsform von Avalokiteshvara)?
Sie können das 'innere Kraftfeld', von dem K.O. Schmidt berichtet, wie er als christlich geprägte Erfahrung der Gottunmittelbarkeit oder als 'Christusbewusstsein' interpretieren - was völlig okay ist -, aber es bleibt Ihre kulturell mitkonstruierte Interpretation. Wenn Sie sich darüber bewusst sind, können Sie auch andere Interpretationen für sich - und für andere - als gültig anerkennen."