Innen - das Spektrum des GEISTES fühlen
Können Sie das Gewicht Ihres Armes fühlen? Gewiss. Dann fühlen Sie so etwas wie „Stoff“ oder Materie“, in diesem Falle die „Schwere“ eines Körperteils. Können Sie Ihre körperliche Vitalität fühlen? Gewiss. Dann fühlen Sie so etwas wie „Kraft und Freude“ oder „Schlappheit und Unlust“. Können Sie Ihren Geist fühlen? Gewiss. Dann registrieren Sie innere Bilder, Symbole, Gedanken und ganze Geschichten, die in Ihrem Geist entstehen und mit einer subtilen Kraft oder Energie einhergehen. Der Gedanke „Ich bin einfach der Größte“ wird zum Beispiel von einer deutlich anderen Energie begleitet als der Gedanke „Ich bin eine Null.“
Stoff, Körper und Geist – all das können Sie fühlen, nicht wahr? Nun, wenn das so ist, dann können SIE all das nicht sein, oder? Sie können nicht Stoff sein, nicht Körper und nicht Geist, denn all das können Sie zum Objekt Ihrer Wahrnehmung machen. SIE können nur das fühlende, wahrnehmende, betrachtende, registrierende Subjekt sein. Wer oder was fühlt den Arm? Wer oder was registriert Vitalität? Wer oder was beobachtet die eigenen Gedanken?
Der folgende Text zeigt auf, dass jeder Mensch fähig ist, das ganze Spektrum (oder: die Stufen) des Bewusstseins wahrzunehmen, d.h. vor allem innerlich zu fühlen. Dazu braucht es die Wendung nach innen und viel meditative Übung. Den Körper zu fühlen ist relativ unproblematisch; aber schon das Fühlen des eigenen Geistes erfordert etwas Übung. Je höher die Ebene (von Stoff über Körper zu Geist), desto subtiler werden die Energien – und desto mehr meditative Praxis ist nötig, um in Kontakt mit diesen Energien zu kommen. Aber noch einmal: Auf dieser Reise nach innen wird Ihnen vielleicht bewusst, dass da tatsächlich „jemand“ sein muss, der all das fühlt und wahrnimmt. Wer ist DAS? Wer ist der Fühlende, der Sehende, der Bezeugende?
Ihr
Carsten Rachow

Mittwoch, 5. März
(gekürzt zitiert aus: Ken Wilber, „Einfach ‚Das’ – Tagebuch eines ereignisreichen Jahres“, Fischer TB-Verlag 2001;)
Die großen Weisheitstraditionen der Welt … behaupten in je unterschiedlicher Weise, dass es verschiedene Daseinsebenen oder –dimensionen gibt, die von der Materie über den lebenden Körper, den symbolischen Geist und die feinstoffliche Seele zum kausalen und nichtdualen GEIST reichen. Materie, Körper und Geist können wir modernen Menschen ohne weiteres akzeptieren; aber Seele und GEIST? Wo gibt es einen Beweis dafür, dass es Seele und GEIST wirklich gibt? Die Antwort ist, wie es scheint, an eine unmittelbare spirituelle Erfahrung gebunden, die wiederholbar, reproduzierbar, beweisbar sein muss. …
Abb. 1: Die große Verschachtelung des Seins. Der GEIST ist sowohl die höchste Ebene (kausal) als auch der nichtduale Urgrund aller Ebenen(Siehe Abbildung 1: Dies ist die sogenannte Große Kette des Seins, auch wenn diese Bezeichnung etwas irreführend ist. Jede höhere Ebene transzendiert und schließt die niedrigeren ein, d.h., es handelt sich eher um eine große Verschachtelung des Seins. Aus diesem Grund spricht man genauer nicht von einer Hierarchie, sondern von einer Holarchie, einer Aufeinanderfolge ineinander eingefügter Kugelschalen.)
Die interkulturellen Befunde sind schlagend: Das menschliche Bewusstsein und die Identität des Menschen kann sich über das ganze Spektrum des Bewusstseins, vom Stoff über den Körper, den Geist und die Seele bis zum GEIST erstrecken. Weiterhin gibt es offensichtlich eine Entwicklung oder Evolution des Bewusstseins innerhalb dieses außerordentlichen Kontinuums. Auf jeder Ebene ändert sich dasjenige, was man als sein „Ich“ bezeichnet, in dramatischer Weise. Wenn sich das Bewusstsein mit dem Vitalkörper identifiziert, hat man das Körper-Ich oder Körperselbst; man ist mit seinen Impulsen, seinen Gefühlen, seinen unmittelbaren physischen Empfindungen identifiziert. Wenn sich das Bewusstsein mit dem Geist identifiziert, hat man das Ich: die begriffliche, mentale, narrative Selbstempfindung, die mit der Übernahme von Rollen und der Einhaltung von Regeln verbunden ist. Wenn sich das Bewusstsein mit der feinstofflichen Ebene identifiziert, hat man die Seele: eine überindividuelle Selbstempfindung in einer Atmosphäre, die schon über das Konventionelle und Irdische hinausreicht. Und wenn sich das Bewusstsein noch weiter entwickelt und sich mit der nichtdualen Wirklichkeit identifiziert, hat man den GEIST selbst, das Ziel und den Urgrund der ganzen Verschachtelung des Seins.
Der Beweis für dieses große Spektrum ist an jedem Punkt auf die unmittelbare Erfahrung gegründet, die von allen bestätigt oder widerlegt werden kann, die in ihrem Bewusstsein die inneren Experimente in angemessener Weise durchführen. Diese Experimente, die man gewöhnlich als Meditation oder Kontemplation bezeichnet, kann man nicht als „bloß subjektive“ oder „innere“ Wahrnehmungen abtun, denn schließlich ist auch die Mathematik „bloß subjektiv“ und „innerlich“, ohne dass wir sie deshalb als unwirklich, illusorisch oder bedeutungslos verwerfen würden. Die kontemplativen Wissenschaften haben eine außerordentliche Fülle phänomenologischer Daten, d.h. unmittelbarer Erfahrungen über die subtile und kausale Ebene (Seele und Geist) gesammelt. Und wenn man wissen will, ob diese Daten wirklich sind, braucht man lediglich das Experiment – in diesem Fall die Kontemplation – durchzuführen und sich selbst ein Urteil zu bilden. Die Mehrzahl derjenigen, die dies in angemessener Weise getan haben, kommt zu einer einfachen Schlussfolgerung: Man begegnet unmittelbar seinem wahren Selbst, seiner wirklichen Verfassung, seinem ursprünglichen Antlitz, und dieses ist nichts anderes als der GEIST selbst.
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„Und hier die 1-Million-Euro-Frage: Mit welcher Ebene möchte ich mich identifizieren? Was bestimmt meine Identität? – Tatsächlich gibt es erwachsene Menschen, die öfter, als ihnen und ihrer Umgebung gut tut, mit ihrem Körperselbst identifiziert sind und daher auf unangemessene Weise triebhaft und emotional agieren. Die meisten von uns haben diese Identifikation transzendiert – weil aber alles transzendieren immer zugleich ein einschließen und umhüllen ist, hat jeder von uns Zugang zu seinem Körperselbst (und wir werden in lustvoller als auch schmerzhafter Weise daran erinnert, dass diese niedrigere Ebene in uns sehr lebendig ist). Und auf der Ebene des Geistes, womit identifizieren wir uns hier? Haben wir unsere Gedanken – oder haben die Gedanken uns? Haben Sie ihre Rolle (als Vater, Mutter, Angestellter, Abenteurer usw.) – oder hat ihre Rolle Sie?
Das Loslassen von der nahezu ausschließlichen Identifikation mit einer bestimmten Ebene führt nicht dazu, dass wir in ein gähnendes Loch der Selbstauflösung fallen. Das Überschreiten („Transzendenz“) der eigenen Gedanken führt nicht dazu, nicht mehr denken, urteilen, bewerten, planen zu können – all das bleibt erhalten („einschließen und bewahren“). Aber es führt dazu, nicht mehr verhaftet zu sein mit dieser Ebene – und schafft Raum für das Auftauchen höherer Ebenen, etwa der Wahrnehmungen, die die Seele und schließlich der GEIST selbst anzubieten haben.
Das ist schon ein aufregendes Abenteuer, diese Reise nach innen und hinein in die eigene Tiefe, und ich empfehle Ihnen von ganzem Herzen, diesen Weg zu gehen.“