In die Tiefe gehen - über Seele und GEIST
Die Zahl der Menschen, die fähig sind, eine größere Tiefe in ihrer Innerlichkeit stabil zu erreichen, wird mit zunehmender Tiefe immer kleiner – einfach deswegen, weil Evolution größere Tiefe immer mit geringerer Spanne oder Anzahl produziert. Zellen umfassen Moleküle, die ihrerseits Atome umfassen - aber es gibt weniger Zellen als Moleküle, weniger Moleküle als Atome. Das eine (zunehmende Tiefe) entsteht nicht ohne das andere (abnehmende Spanne). Es gibt viele außergewöhnliche Sportler (grobstoffliches Körperbewusstsein), aber nur einen Drossinakis (sehr subtiles psychisches Bewusstsein). Die mit zunehmender Tiefe erfahrbaren höheren Ebenen des Bewusstseins enthalten in sich alle niedrigeren Ebenen, und deshalb werden die höheren Zustände selbst immer bedeutsamer und umfassender. Für Menschen und ihre Bewusstseinsentwicklung bedeutet das nicht, dass nur ein paar Menschen die höheren Stufen erreichen; es bedeutet nur, dass sie zuerst die niedrigeren Stufen durchmachen müssen.
Ja, und wenn das dann geschehen ist, wenn das eigene Selbst sich nicht mehr ausschließlich und dauerhaft mit den mentalen Rollenkonzepten des eigenen Egos identifiziert, wenn „die Herrschaft des Personellen“ sich ihrem Ende entgegenneigt, dann können - im eigenen Inneren - Seele und GEIST erscheinen, anfangs blass und undeutlich, dann immer stärker und wahrnehmbarer werdend. Und mit ihnen erscheinen - im Äußeren - die subtilen und sehr subtilen Energien, die alle niederen Körper umhüllen, einschließen und umarmen. Wenn Sie den kausalen GEIST einmal wirklich erfahren haben, wissen Sie, was ich meine: Dort, im und als formloser GEIST, gibt es kein Innen und kein Außen - und alle Form, alle Energie entsteht erst, wenn Sie die kausale Ebene wieder verlassen haben. Im Anhang zum folgenden Text schildere ich kurz meine eigene Erfahrung mit dieser höchsten aller Ebenen.
Ihr
Carsten Rachow

Die Archäologie des Selbst
(gekürzt zitiert aus: Ken Wilber, „Integrale Psychologie“, Arbor-Verlag 2001;
fett gedruckte Hervorhebungen von Carsten Rachow)
… Auf der archäologischen Reise zum Selbst kommt die ausschließliche Herrschaft des Personellen zu einem Ende, indem es von einem strahlenden GEIST schichtweise abgetragen zu werden beginnt. Und dieses universelle Strahlen beginnt zunehmend durchzuscheinen und macht sich selbst mehr und mehr transparent.
Und wie immer: Je mehr wir nach innen gehen, umso mehr gehen wir weiter. Je tiefer die Ebene bei der außerordentlichen Archäologie des GEISTES ist, umso weiter ist die Umfassung – das Innen trägt uns weiter hinaus. Innerhalb der Welt der Materie ist der Körper, aber der vitale Körper geht auf so viele Weisen über Materie hinaus: Seine Gefühle antworten, der Fels tut das nicht. Seine Wahrnehmungen erkennen eine Welt, wohingegen Nichtlebendiges schläft. Seine Emotionen bewegen einen Körper, wohingegen Erde schweigend wartet. Entsprechend existiert der Geist in dem vitalen Körper, aber der Geist geht auf so viele Weisen über den Körper hinaus: Während der Körper seine eigenen Gefühle fühlt, übernimmt das Erkennen des Geistes die Rollen anderer, und deshalb erweitert sich Bewusstsein vom Egozentrischen zum Soziozentrischen zum Weltzentrischen. Der Geist verknüpft Vergangenheit und Zukunft, und deshalb erhebt er sich über die Impulsivität der körperlichen Instinkte. Während der Geist die Welt dessen entwirft, was sein könnte und was sein sollte, schlummert der Körper in seiner naiven Gegenwart.
Entsprechend beginnt die Seele, wenn man tief in den Geist hineinschaut, im innersten Teil des Selbst, wenn er sehr, sehr still wird und man ganz genau hinhört, in diesem grenzenlosen Schweigen zu flüstern, und ihre federsanfte Stimme trägt einen weit über das hinaus, was der Geist sich nur jemals vorstellen konnte. Über alles hinaus, was Rationalität möglicherweise tolerieren, was Logik ertragen kann. In ihrem sanften Flüstern gibt es die feinsten Andeutungen einer unendlichen Liebe, Schimmer eines Lebens, das die Zeit vergaß, Ahnungen eines Segens, der nicht erwähnt werden darf, Berührungspunkte, an dem die Mysterien der Ewigkeit Leben in sterbliche Zeit atmen, wo Leiden und Schmerzen vergessen haben, wie ihre eigenen Namen auszusprechen sind, dieser geheime stille Schnittpunkt zwischen Zeit und dem ganz Zeitlosen, eine Verbindung mit Namen Seele.
In der Archäologie des Selbst, tief innerhalb des Persönlichen, liegt das Transpersonale, das einen weit über das Personale hinausträgt: immer innerhalb und zugleich darüber hinaus. Vorher nur in Gipfelerfahrungen erlebt oder als Intuition von Unsterblichkeit, Staunen und Gnade und im Hintergrund, beginnt die Seele jetzt dauernder in das Bewusstsein aufzutauchen. Noch nicht grenzenlos und allumfassend, nicht mehr nur persönlich und sterblich, ist die Seele der bedeutende Vermittler und Bote zwischen reinem GEIST und individuellem Selbst. Die Seele kann den grobstofflichen Bereich in Naturmystik umfassen oder sie kann ihre eigene Tiefe in Gottheitsmystik ausloten. Sie kann dem ganzen Leben die Bedeutung eines Nachrufs vermitteln und jedem Winkel der Psyche Gnade zukommen lassen. Sie bietet den Beginn einer unerschütterlichen Zeugenschaft und eines unerschütterlichen Gleichmutes inmitten der Fallstricke und Angriffe eines maßlosen Schicksals, und sie schenkt allem, was ihr begegnet, den Atem zarten Mitgefühls. Man kann sie mit Hilfe einer einfachen Technik erreichen: sich einfach dem Geist zuwenden und eintreten.
Eine Krankheit der Seele ist wirkliche Krankheit. … Wenn die Anpassung an die Bereiche der Seele beginnt, kann sich eine unbegrenzte Zahl von Pathologien entwickeln. Das Selbst kann vom Licht überwältigt werden, schmerzhaft in der Liebe verloren, überflutet von einer Verschwendung, die seine Grenzen nicht halten können. Umgekehrt kann es sein Ego einfach zu grenzenlosen Proportionen aufblähen (besonders wenn es … narzisstische oder Borderline-Anteile gibt). Es kann eine Spaltung zwischen oberen und unteren Bereichen (besonders zwischen Seele und Körper) entwickeln. Es kann Aspekte der Seele selbst unterdrücken und dissoziieren (und Subpersönlichkeiten … erzeugen …). Es kann mit der Seele verschmolzen bleiben, wenn es beginnen sollte, sie loszulassen. Und die früheste, einfachste Pathologie von allen: die Verleugnung der Existenz der eigenen Seele. …
Bei der Archäologie des Selbst sind wir an dem Punkt, wo die Seele aus den inneren Tiefen des Geistes aufgetaucht ist und den Weg zu einem größeren Morgen gewiesen hat. Aber wie Moses kann die Seele das Land der Verheißung von Ferne sehen, aber nicht wirklich betreten. Teresa würde sagen, nachdem der Schmetterling (die Seele) aus dem Tod der Puppe (Ego) hervorgegangen ist, muss jetzt der kleine Schmetterling sterben. Wenn die Seele selbst still wird und sich von ihrer eigenen Müdigkeit ausruht; wenn der Zeuge seinen letzten Halt aufgibt und sich in seinen ewig-präsenten Grund hinein auflöst; wenn die letzte Schicht des Selbst in die reinste Leere abgetragen ist; wenn die endgültige Form der Selbst-Kontraktion sich in die Unendlichkeit allen Raums entfaltet: dann steht der GEIST selbst, als ewig-präsente Bewusstheit, frei aus sich selbst heraus, niemals wirklich verloren, und deshalb niemals wirklich gefunden. Mit einem Schock des äußerst Offensichtlichen entsteht die Welt weiter, wie sie es immer getan hat.
Im tiefsten Innen das grenzenloseste Jenseits. In ewig-präsenter Bewusstheit dehnt sich die eigene Seele aus, um den ganzen Kosmos zu umfassen, so dass GEIST allein bleibt, als die einfache Welt dessen, was ist. Der Regen fällt nicht länger auf einen, aber in einem; die Sonne scheint aus dem Inneren des eigenen Herzens und strahlt aus in die Welt, und segnet sie mit Gnade. … Der Klang des Regens auf dem Dach ist das einzige Selbst, das wir finden können, hier in der offensichtlichen Welt des kristallenen einen Geschmacks, wo Innen und Außen dumme Fiktionen und Selbst und andere obszöne Lügen sind, und ewig-präsente Einfachheit ist der Klang der einen Hand, die in Ewigkeit wie verrückt klatscht. In der größten Tiefe das Einfachste, was es gibt, und die Reise endet, wie immer, genau da, wo sie begann.
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„Viele Menschen berichten von „Einheits-Erfahrungen“, von „Einheits-Bewusstsein“, von „reinem, grenzenlosen oder kosmischen Bewusstsein“. Ihre Erfahrung, die zweifellos eine echte und bedeutsame transpersonale Erfahrung ist, beschreiben sie häufig als „Verschmelzung mit der Natur“ oder als subtiles „Einssein mit der Gottheit“. Doch diese Erfahrungen reichen noch nicht heran an das reine Nichtduale, an den reinen GEIST, der eine Vereinigung von Form und Leere ist.
Eine einfache Möglichkeit, um selbst zu erkennen, ob die „Einheits-Erfahrung“ in den grobstofflichen Bereich (Naturmystik), in den subtilen Bereich (Gottheitsmystik), in den kausalen Bereich (formlose Mystik) oder zum wirklich nichtdualen Bewusstsein (Vereinigung der Form in allen Bereichen mit dem reinen Formlosen) gehört, besteht darin, auf die Art des Bewusstseins beim Träumen und in tiefem Schlaf zu achten. Wenn Sie eine Einheitserfahrung im Wachzustand erleben, dann ist das gewöhnlich die Naturmystik des grobstofflichen Bereichs. Wenn dieses Einheitsbewusstsein in den Traumzustand hinein andauert - so, dass Sie luzide Träume und die Vereinigung etwa mit innerem Licht wie auch mit grobstofflicher äußerer Natur erleben -, dann ist das gewöhnlich Gottheitsmystik des subtilen Bereichs. Dauert dieses Einheitsbewusstsein in den Zustand des Tiefschlafs hinein an - so, dass Sie ein Selbst verwirklichen, das ganz präsent ist in allen drei Zuständen von Wachen, Träumen und tiefem Schlaf -, dann ist das gewöhnlich formlose Mystik (turiya) des kausalen Bereichs. Wenn Sie dann entdecken, dass dieses formlose Selbst mit der Form in allen Bereichen eins ist – grobstofflich, subtil und kausal -, dann ist das reines nichtduales Bewusstsein (turiyatita).
Ich habe die nicht beschreibbare Erfahrung des formlosen, reinen, nichtdualen GEISTES bisher mit Sicherheit zweimal gemacht – immer jeweils nach längeren Phasen intensiver täglicher Zeugen-Meditation. (So wie ein Messer sich nicht selbst schneiden kann, kann der Zeuge, der „letzte Seher“, sich nicht selbst sehen – und deshalb nicht mit „formgebenden“ Worten beschrieben werden. Alles, was Du über Gott sagen kannst, ist gerade nicht die formlose Gottheit oder nichtdualer GEIST.) Die während des täglichen Wachbewusstseins erreichte stabile Präsenz des reinen Zeugen („Staubsaugen ist Meditation; bezeugendes Staubsaugen ist die Welt.“) hat sich dann mühelos fortgesetzt, als ich zu Bett ging. Völlig anstrengungslos gewahrte ich - als eine „aufsteigende“, evolutive Bewegung - das „Verschwinden“ meines physikalischen Körpers, dessen warmen Abdruck unterhalb der Bettdecke ich eben noch fühlte, und beobachtete (ich erinnere: ganz leise lächelnd …) das plötzliche Auftauchen des subtilen Traumbereiches, in dem „etwas von mir“ mit einem subtilen Körper aus Licht und Leichtigkeit unterwegs war und seine Erlebnisse hatte. Irgendwann löste sich dann auch der subtile Traumkörper und mit ihm fast alle Wahrnehmungen einfach auf und ich ruhte nicht mehr als Zeuge, der noch Objekte bezeugt (wie etwa den Traumkörper), sondern IM Zeugen – als ICH BIN in einer unendlichen weiten Leere, Freiheit oder Öffnung. Hier bist Du völlig, ich möchte sagen, zu 100 % bewusst, glasklar, ohne jeden Zweifel, aber du nimmst nichts Bestimmtes mehr war - weil du selbst ALLES bist. Du BIST einfach nur. Dieser nichtduale Seinszustand entzieht sich jeder Beschreibung.
Mehrmals wechselte ich die Ebene meines Zustands: aus dem formlosen GEIST hinab in den Zeugen, der sich dann jedes Mal leicht amüsiert selbst die Frage stellte, ob ich eben wohl wach gewesen sei oder tief und fest geschlafen hatte. Und die Antwort kam sofort, augenblicklich und spontan, seltsam klingend, aber anders gar nicht möglich: „Ich bin wach und schlafe zugleich. Ich bin im Schlaf völlig wach.“ Das ist turiya, formlose Klarheit und Bewusstheit. Und - wie schon gesagt -, wenn auch diese Selbstbefragung aufhört, wenn da nur noch Bewusstsein im Bett liegt, dann ist das turiyatita, nichtdualer GEIST. Und irgendwann in den frühen Morgenstunden (es muss gegen 05.00 Uhr gewesen sein) erlebte ich den ganzen Prozess dann völlig bewusst als absteigende, als involutive Bewegung: vom kausalen GEIST über den formlosen Zeugen zur subtilen Seele zum mentalen Geist zum grobstofflichen Körper, bis du dich irgendwann wieder als deinen warmen Körper im Bett liegend fühlst - und dann stehst du einfach auf, um das ganze Spiel - hinauf und hinab - möglichst jeden Augenblick erneut spielen zu können …
Wie fühlen Sie sich am nächsten Tag, wenn Sie die ganze Nacht „wach“ lagen – aber eben nicht im wachen Zustand des kausalen GEISTES, sondern als nicht schlafen könnender grobstofflicher Körper im normalen Wachbewusstsein? – Richtig, ziemlich verkatert, müde und abgespannt. Nicht so im kausalen GEIST: völlig gestärkt, ausgeruht, kraftvoll und tief im Inneren auf wundersame Weise verändert beginnen Sie Ihr tägliches Werk …“