CARSTEN RACHOW GEISTiges Heilen

Lebensführung - idiotisches Mitgefühl und wertende Urteile

„Du sollst nicht urteilen.“ Oder: „Wie kannst du sagen, dies sei besser als jenes?“ Oder: „Du bildest dir wohl sehr viel ein auf deine Sicht, was?“ – Kommt Ihnen das bekannt vor? Und spüren Sie nicht auch, wie oberflächlich, wie scheinheilig, ja wie hemmend und behindernd derartige Auffassungen sein können? – Wir haben verlernt, so scheint es, aufrichtig miteinander zu reden – stattdessen reden wir unaufrichtig übereinander.

 

Wäre es nicht besser (Achtung: eine Frage nach einem wertenden Urteil), wir würden unsere Meinungen klipp und klar offen legen und mutig aussprechen, und vor allem unsere Begründungen, Vermutungen, Absichten und Motive? Wäre es nicht besser für uns selbst – und natürlich auch für den anderen, dies so zu tun? Wäre es nicht hilfreicher, diese Offenlegung aus einer gegenseitigen Haltung der Achtung, des Respekts und der Wertschätzung zu leisten? Und wie wäre es, wenn sich am Ende herausstellte, dass ich überhaupt nicht deiner Meinung bin, dafür aber jetzt klipp und klar verstanden habe, was du meinst und warum du es meinst? Und umgekehrt, du auch bei mir? Und wir beide vielleicht nachdenklich würden angesichts der Argumente und Sichtweise des jeweils anderen – und sogar noch etwas Neues erkennen könnten?

 

Für mich gibt es das Wunder namens WIR – auch gegenseitiges VERSTÄNDNIS genannt. Wir müssen vielleicht nicht immer einer Meinung sein, aber wir sollten uns bemühen, den anderen so gut wie möglich zu verstehen. Die fundamentale Voraussetzung für eine solche (bewusste) Haltung ist die schlichte Erkenntnis, dass wir alle ohne qualitative Werturteile nicht wirklich leben, nicht bestehen und vor allem nicht wachsen, nicht befreit werden können. Versuchen wir es dennoch, ist zumeist der selbstgewählte Rückzug in die friedvolle Isolation oberflächlicher Ego-Bündnisse die direkte Folge – und da lässt es sich wunderbar „lieb und eins mit allem“ leben.

 

Du sollst nicht ver-urteilen - Dich selbst nicht und nicht Deinen Nächsten. Aber urteilen sollst Du - entscheiden. "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen." (Matthäus, 5,37) Was Jesus hier anmahnt, sind klare Entscheidungen, ein eindeutiges Ja oder ein eindeutiges Nein. Kein hätte, wenn, vielleicht und aber, kein heute so und morgen andersherum - einfach Ja oder Nein.    

 

Ihr

Carsten Rachow

Sonntag, 25. Mai - Boulder

 

(gekürzt zitiert aus: Ken Wilber, „Einfach ‚Das’ – Tagebuch eines ereignisreichen Jahres“, Fischer TB-Verlag 2001; fett gedruckte Hervorhebungen von Carsten Rachow)

 

Ein weiteres Naropa-Seminar. Die Themen, über die die Teilnehmer sprechen wollten, betrafen u.a. das Verhältnis zwischen Mitleid und idiotischem Mitleid … und die verblüffende Aggressivität mancher Theoretiker, wenn man ihnen mit einer integralen Sichtweise kommt. Einige Auszüge:

 

Teilnehmer: Ich habe mit anderen Studenten über eine integrale Sichtweise diskutiert, und sie warfen mir vor, dass es mir an echtem Mitgefühl mangele, weil ich Urteile fälle. Ich sehe das nicht so.

KW: Ja, dies ist ein Thema, das in spirituellen Kreisen besonders viel Verwirrung anrichtet. Das Problem besteht im Grunde in der Verwechslung zwischen Mitleid und idiotischem Mitleid, wie Trungpa Rinpoche dies genannt hat. Wir haben es hier in Amerika – und insbesondere in New-Age-Kreisen – mit einer Form von fader Gleichmacherei und Political Correctness zu tun, der zufolge keine Auffassung besser ist als eine andere, weshalb man alle Auffassungen gleichermaßen schätzen müsse, und dies soll ein Zeichen reicher Vielfalt sein. Nur wenn man keine qualitativen Urteile fällt, würde man wirkliches Mitgefühl zeigen. Wir haben also auf der einen Seite eine urteilende, auf der anderen eine mitleidsvolle Haltung, und dies ist die allgemeine Auffassung.

Aber sehen Sie, in einer solchen Haltung steckt ein massiver innerer Widerspruch. Einerseits sagt man, dass alle Ansichten gleichwertiger Bestandteil einer reichen Vielfalt seien, weshalb keine Auffassung besser als eine andere sein könne. Andererseits aber behauptet man mit Nachdruck, dass eben diese Auffassung besser sei als die Alternativen. Dieses „Mitgefühl“ sagt also, dass keine Auffassung besser sei als eine andere, ausgenommen die eigene, die in einer Welt, in der es doch angeblich keine Überlegenheit gibt, überlegen ist. Es ist eine Hierarchisierung, die keine Hierarchie haben will, und ein Urteil, dass alles Urteilen schlecht ist. Diese Haltung ist ja oft gut gemeint, aber sie ist trotzdem heuchlerisch, weil sie genau das tut, was sie bei allen anderen Menschen verurteilt.

 

Diese Heuchelei hat nichts mit wirklichem Mitgefühl zu tun, sondern es ist ein idiotisches Mitgefühl. Idiotisches Mitgefühl hält sich für menschenfreundlich, aber in Wirklichkeit ist es grausam. Wenn ein Freund Alkoholiker ist und man weiß, dass ein einziges Glas mehr sein Tod sein könnte, wäre es dann wirklich mitleidsvoll, es ihm zu geben, wenn er inständig darum bittet? Es ist doch menschenfreundlich, jemandem etwas zu geben was er haben möchte, oder etwa nicht? Wie kommt man denn dazu, ihm die eigenen Auffassungen aufzudrängen? Ihm Alkohol zu geben wäre doch mitleidsvoll, nicht wahr? Nein, eben nicht.

 

Zu echtem Mitgefühl gehört auch der Verstand, und man fällt also ein fürsorgliches und verantwortungsbewusstes Urteil, das einem sagt, dass manche Dinge gut und manche Dinge schlecht sind. Man wird sich bei seiner Entscheidung von seinem gesunden Menschenverstand und von Zuwendung leiten lassen. Einem schweren Alkoholiker einen Karton Whisky zu geben, weil er ihn gerne haben möchte und man menschenfreundlich sein will, ist keineswegs menschenfreundlich. Man zeigt damit idiotisches Mitgefühl, kein echtes Mitgefühl.

 

Zen nennt dies den Unterschied zwischen „Großmutter-Zen“ und „wirklichem Zen“. Um aus dem Traum des Samsara zu erwachen, muss man dem Ego selbst auf die Sprünge helfen, und zwar manchmal recht kräftig. Andernfalls spielt man bloß weiter seine Lieblingsspielchen. Großmutter-Zen ist keine Herausforderung. Großmutter-Zen ist lieb und lässt einen ein wenig länger schlafen, wenn man will, die Meditation vorzeitig beenden, wenn es nicht so geht, wie man es sich vorgestellt hat, und es einem in einem selbst wohl sein. Aber richtiges Zen nimmt einen sehr großen Stock, und es wird sehr viel geschrien. Manchmal gibt es auch gebrochene Knochen, und ganz gewiss wird das Ego zerbrochen. Echtes Mitgefühl versetzt einem einen Tritt in den Hintern und nimmt einem den Namen weg, und an manchen Tagen ist es nicht lustig. Wenn man dieses Feuer scheut, dann muss man sich einen lieben, netten, mit sanfter Stimme sprechenden und ewig lächelnden New-Age-Lehrer suchen, der einem hilft, sein Ego mit einem spirituell klingenden neuen Etikett zu überkleben. Man sollte aber denjenigen aus dem Weg gehen, die wirkliches Mitgefühl praktizieren, denn da gibt es Zunder. Die meisten Menschen meinen mit „Mitgefühl“: Bitte sei nett zu meinem Ego. Das Ego ist aber gerade der schlimmste Feind, den man hat, und wer nett zu ihm ist, verhält sich keineswegs mitleidsvoll.

 

Nun sind wir aber alle keine vollendeten Meister, weshalb wir nicht immer wissen, was echtes Mitgefühl ist und was nicht. Aber wir müssen wenigstens anfangen zu lernen, echtes Mitgefühl statt idiotisches Mitgefühl zu praktizieren. Wir müssen lernen, qualitative Unterscheidungen zu treffen. Und dies sind hierarchische Urteile, die Werte in eine Reihenfolge bringen. …

 

Teilnehmer: Aber ist denn nicht absichtsloses Gewahren ohne Urteil?

KW: Absichtsloses Gewahren akzeptiert einfach alles, was zum Vorschein kommt, also auch Urteilen und Nicht-Urteilen. Sehen Sie, nicht zu urteilen ist ja schon wieder eine Entscheidung zwischen zwei Gegensätzen, Urteilen und Nicht-Urteilen, d.h., „Nicht-Urteilen“ ist keineswegs dasselbe wie absichtsloses Gewahren. …

Mit „absichtslosem Gewahren“ ist letztlich dasjenige gemeint, was im Buddhismus endgültiger Bodhichitta oder Leerheit heißt, während Urteile zu fällen vordergründiger Bodhichitta oder Mitgefühl heißt. Damit ist natürlich echtes Mitgefühl, nicht idiotisches Mitgefühl gemeint, und echtes Mitgefühl bedient sich bei seinen Entscheidungen des Verstandes. Aber in beiden Fällen ist „nicht-urteilend“ keine kluge Haltung. Im endgültigen Erleuchtungsgeist ruht man in der Leerheit, der es gleichgültig ist, ob man Urteile fällt oder nicht, weil beides gleichermaßen aus der reinen Leerheit entspringt. Im vordergründigen Erleuchtungsgeist fällt man Urteile auf der Grundlage der Klugheit und des Mitgefühls, und solche Urteile beruhen auf qualitativen Unterscheidungen und Wertehierarchien.

 

Wenn also jemand sagt, dass er Hierarchien und Urteile verabscheue, dann sollte man schleunigst das Weite suchen. Man muss lernen, ganz bewusst qualitative Unterscheidungen zu treffen. Wir müssen Urteile fällen, die von einer abgestuften Tiefe ausgehen. Das idiotische Mitgefühl hat hier schon erheblichen Flurschaden angerichtet und letztlich einen echten spirituellen Fortschritt sehr erschwert.

 

Teilnehmer: Diese Leute überschütteten mich mit Vorwürfen, weil ich qualitative Urteile fällte, und taten sehr scheinheilig …

KW: Es ist eben ein großer Unterschied, ob man qualitative oder gehässige Urteile fällt. Ich würde also folgenden Rat geben: Wenn man in eine solche Situation kommt, sollte man zuerst seine eigene Haltung und seine eigene Motivation prüfen. Es nützt uns ja nichts, wenn wir auch scheinheilig tun. Wir haben schließlich das echte Mitgefühl und diese Trottel das idiotische. Natürlich kann uns dies allen passieren, und ich weiß, dass es auch mir passiert. Es ist ein Urteilen ohne eine rechte Urteilsfähigkeit, und dies ist einfach furchtbar. Man muss also hier aufpassen. Aber Sie sagten, dass Sie angegriffen wurden, weil Sie für eine integralere Sichtweise eintraten?

 

Teilnehmer: Ja.

KW: Das ist noch ein anderes Problem. Über den Daumen gepeilt kann man sagen, dass die meisten Menschen nicht bereit sind, ihre gegenwärtigen Auffassungen jeweils um mehr als etwa 5 % zu ändern. Wenn man sie also mit einer völlig neuen Sichtweise überrumpelt, dann kann es leicht geschehen, dass sie sich verschließen. Vielleicht werden sie wütend und ausfällig; sie sagen, dass man kein Mitgefühl hätte, dass man arrogant sei und dergleichen mehr. Wenn man sie dann weiter bedrängt, hat man letztlich selbst ein Problem. Vielleicht hat das eigene Ego Spaß daran, diese Leute zu bekehren? Ich weiß, dass ich dies gelegentlich auch selbst schon versucht habe, aber es führt zu nichts. Wenn man wirklich helfen will – echtes Mitgefühl -, dann gibt man nicht mehr auf den Löffel, als jemand schlucken kann, okay? …

 

Teilnehmer: Warum ist idiotisches Mitgefühl so weit verbreitet?

KW: Einfach deshalb, weil es so harmlos ist. Es ist in vielen spirituellen Kreisen deshalb so verbreitet, weil das Ego nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden will. Es will ein Großmutter-Zen. Das Ego gibt also eine Menge Geld für einen Wochenend-Workshop aus, der dem Ego seine „Macht“ zurückgibt, auf dem es erfährt, dass es wirklich Gott oder die Göttin ist. Es bekommt eine neue Konzeption vorgesetzt, über die es nachdenken und die es „Geist“ nennen darf. Es wird in das „Gewebe des Lebens“ eingebunden, und von dieser bloß mentalen Vorstellung wird ihm die höchste Einheit versprochen. Letztlich liegt dem riesigen Markt der Esoterik-Literatur nur ein drängendes Motiv zugrunde: Die Leute wollen hören, dass ihr Ego Gott ist, dass ihre Selbstbezogenheit der Geist ist. Die Selbstbezogenheit bekommt einfach das Etikett „heilig“ übergeklebt, und Großmutter-Zen lächelt gütig dazu.

Aber um dies klarzustellen: Ich meine überhaupt nicht, dass diese Ansätze schlecht oder bösartig oder so etwas seien. Ich meine einfach, dass die Leute keine ausreichende Landkarte des Kosmos haben und deshalb bei ihrem edlen Streben etwas auf Abwege geraten. Ich hoffe also, dass eine integralere Sichtweise dazu beitragen wird, diese Verwirrung etwas zu verringern.

 

 

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„Gibt es ein Messgerät, mit dem ich einschätzen kann, ob ich selbst „Großmutter-Zen“ betreibe und Idiotenmitgefühl mit echtem Mitgefühl verwechsle? Natürlich gibt es das: Ich brauche bloß die Fähigkeit, mich selbst aufrichtig zu spüren. Wie reagiere ich auf Kritik? Was steigt in mir hoch, wenn jemand sagt, „das sehe ich aber ganz anders“? Höre ich aufmerksam zu und bin ich interessiert an weiteren Begründungen – oder mache ich „zu“, überlege ich innerlich schon Abwehrmaßnahmen, Gegendruck und ähnlich hübsche Ego-Spiele? Spielt es in meinen entstehenden Gefühlen eine Rolle, wer etwas sagt oder was er sagt? Fühle ich mich attackiert, weil ausgerechnet dieser blöde Typ etwas sagt, oder reagiere ich auf die Inhalte, die Argumente? Oder auf beides?

 

Es gehört Mut dazu – jedenfalls anfänglich – zu sich selbst zu kommen und dann standhaft bei der eigenen Meinung und der eigenen Ruhe zu bleiben, solange keine besseren Begründungen geliefert werden. Und es gehört – auch wieder anfänglich – noch mehr Mut dazu, seine Meinung angesichts der neuen Begründungen zu korrigieren. Und wie viel Mitgefühl, Dankbarkeit und Liebe schlägt in deinem Herzen, wenn du dann nicht die Größe besitzt, dem Lieferanten aufrichtig zu danken dafür, dass er deinen Blick geweitet, deine Erkenntnis erhöht und deine Befreiung von engeren Sichtweisen gefördert hat?“

 

 

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