Hellsehen und Ego - oder Bodhisattva und Mystik?

Es ist mir ein großes Anliegen, zu differenzieren. Zu unterscheiden. Erkennbar zu machen. Hinter die Oberfläche zu schauen. „Tiefer“ zu gehen.  Und dann die "verborgene" Einheit, das umfassendere Ganze zu sehen. Warum? – Nun,  nur das zuvor im Geiste Differenzierte, als etwas Eigenes Erkannte kann anschließend  von einer höheren Ebene des Bewusstseins liebevoll integriert werden. Differenzierung und Transzendierung ermöglicht Wachstum.  Wachstum oder Evolution erfolgt IMMER und ÜBERALL nach dem Muster „differenzieren – transzendieren – integrieren“. Diesem Muster folgt die Evolution der Materie ebenso wie das Wachstum des Bewusstseins. Ohne Differenzierung, ohne genaueres Urteil, ohne Trennung von der jeweils aktuellen Erkenntnis-Ebene, ohne Ent-Identifizierung, ohne Abscheidung, ohne Loslassen kann keine neue, keine höhere, umfassendere, angemessenere Ebene des Seins in Dir auftauchen. Und damit auch nicht GEIST in Dir, jedenfalls nicht in seiner stabilen "Form" …

 

Es gibt Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Viele Heiler nehmen etwa für sich in Anspruch, über besondere „außersinnliche“ Gaben zu verfügen: hellsehen, hellfühlen, PSI-Kräfte, Kontaktaufnahme zu Verstorbenen usw. Und diese Fähigkeiten beeindrucken nicht nur das Publikum sehr, sondern auch die davon „Beglückten“. Diesen besonderen Menschen, so scheint es, lohnt es zu folgen, ihnen zuzuhören, es ihnen gleich zu machen. – Ich stimme zu. Es handelt sich um „besondere“ Menschen. Allerdings sagt ihre außersinnliche Fähigkeit nichts darüber aus, ob sie besonders „weise“, besonders „gut“ oder besonders „mitfühlend“ sind. Mit anderen Worten: Außersinnliche Wahrnehmungen sagen nichts über die "Höhe" des Wahrnehmenden aus, also darüber, von welcher Ebene des Bewusstseins ausgehend diese Wahrnehmungen gedeutet werden. Und mit diesem Hinweis hat der differenzierende Blick des "höheren" mentalen Geistes schon eingesetzt.

 

Schon gar nicht dürfen außersinnliche Fähigkeiten verwechselt werden mit mystischen Sichtweisen. Das Ego wünscht sich vielleicht Hellsichtigkeit – der Mystiker meidet sie. Warum dies so ist, lesen Sie im folgenden Text. 

 

Ihr

Carsten Rachow

Zweiter Teil: Involution

 

(gekürzt zitiert aus: Ken Wilber, „Das Spektrum des Bewusstseins“, geschrieben 1977,

Rowohlt Tb-Verlag, Auflage 1996;

fett gedruckte Hervorhebungen und blaufarbige Ergänzungen von Carsten Rachow)

 

 

Um diesen Abschnitt abzuschließen, werden wir noch kurz auf die sogenannten paranormalen Phänomene eingehen – Außersinnliche Wahrnehmung (ASW), Hellsehen, Reise in andere Welten, Astralreise und so weiter. Was sie mit allem anderen Geschehen auf den transpersonalen Ebenen gemeinsam haben, ist die unvollständige Aufhebung des primären Dualismus. Das Ich hat zwar seine Grenzen zumindest in Teilbereichen beträchtlich geweitet, erfährt sich jedoch immer noch als mehr oder weniger von der Welt getrennt. Das Interesse an Parapsychologie scheint rapide zuzunehmen, vor allem wohl deshalb, weil nun die Wissenschaft sich dieser Phänomene annimmt, sofern sie „tretbar“ sind, also den Kriterien der Objektivität, Messbarkeit und Verifizierbarkeit genügen. In der ASW-Forschung etwa kann man ohne große Umstände Laborexperimente durchführen, Daten sammeln, diese statistisch aufbereiten und dann einen Schluß daraus ziehen – in der Regel den, dass es ASW tatsächlich gibt.

Eigentlich ist gegen solche Experimente nichts einzuwenden, nur muss man sich strikt hüten vor der Annahme, man habe es hier mit der Ebene des GEISTES oder mit wahrer Mystik zu tun. Leider übersehen viele Wissenschaftler diesen Umstand und illustrieren ihre „Beweise“ für ASW, Psychokinese oder was auch immer, die sie irrtümlich als Beweise für die Existenz des GEISTES ansehen, mit Worten von Meister Eckehart, Rumi, Chuang-tzu oder Shankara. Bei aller gewiß vorhandenen guten Absicht ist dies doch letztlich nur ein ziemlich aufwendiger Selbstbetrug. Die Ebene des GEISTES ist keine gegenständliche Wirklichkeit und daher nicht von außerhalb zu beweisen:

Es gibt keinen Ort im Universum, der außerhalb des GEISTES liegt und von wo aus man ihn objektivieren, verifizieren oder messen könnte. Man kann ihn nicht erfassen, weil er selbst das Erfassen ist. Wissenschaftliche Verifizierung setzt den primären Dualismus von Verifizierendem und Verifiziertem voraus, und diese Unterscheidung ist auf den GEIST nicht anwendbar. Dennoch kann er experimentell bestätigt werden, nämlich von jedem, der willens ist, den Weg zu gehen – aber das ist eben kein externer Beweis. …

 

Und schließlich müssen wir auch an die Worte der erleuchteten Meister denken, die stets und überall auf der Welt gesagt haben, dass der Weise sich auf paranormale Kräfte oder Siddhis nicht einlässt, denn hinter dem gezielten Gebrauch solcher Kräfte steht immer die Machtgier des verunsicherten Ego, das stets bereitwillig nach allem greift, womit es seine Umwelt noch besser manipulieren kann. Wenn es aber eins ist mit seiner Welt, was gibt es dann noch zu manipulieren? Der Drang zur Entwicklung einer „Psychotechnik“ ist im Grunde nichts anderes als die Entwicklung herkömmlicher Technik, und mit dieser herkömmlichen Technik hat das Ego die Welt schon derart zugerichtet, dass man sich kaum auszumalen traut, was es mit der Psychotechnologie Geniales anstellen wird. (Bitte hier keine Technikfeindlichkeit herauslesen. Wilber - und ich ebenfalls - sind Befürworter des technischen Fortschritts. Nicht die Technik verletzt die Welt, sondern die Art und Weise, wie manche Menschen sie anwenden. Das Internet ist nicht gut und ist nicht schlecht - die Verwendung dieser globalen Technologie von menschlichen Egos erzeugt Gutes oder Schlechtes.) Die unausweichliche Schlussfolgerung lautet, dass nur der Weise mit Siddhis umgehen kann – aber gerade er will mit ihnen nichts zu tun haben.(Auch eine Psychotechnologie wird erst dann gut oder weniger gut, wenn sie von einem menschlichen Ego angewendet wird. Von welchen Vorstellungen oder Motiven auch immer sich dieses Ego leiten lässt, in jedem Falle läuft es Gefahr, sich selbst als agierendes Subjekt in dieser Fähigkeit zu "verlieren". Und dann fällt die Transzendenz dieses Egos umso schwerer; man behindert selbst das Loslassen der Identifikation mit diesem Ego, weshalb es der Weise vorzieht,  mit den Fähigkeiten dieses Egos lieber "nichts zu tun haben" zu wollen.)   

 

Die Auseinandersetzung mit östlicher und westlicher Mystik hat zwar in den letzten Jahrzehnten beträchtlich an Niveau gewonnen, aber es sind nach wie vor die aberwitzigsten Fehlinterpretationen im Umlauf. Mystiker, so heißt es da, sind jenseitsgerichtet, ohne Bezug zur alltäglichen Wirklichkeit, nur auf sich selbst konzentriert, stets in Trance und so weiter. Damit erfahren wir aber rein gar nichts über Mystik, sondern nur etwas über den Geisteszustand derer, die solche haarsträubenden Ansichten vertreten. Ihnen scheint entgangen zu sein, was alle großen Meister der Traditionen stets betont haben:


„Dein alltägliches, gewöhnliches Bewusstsein,

das ist der WEG.“

 

Gewiß, viele Mystiker haben das zurückgezogene, in sich gekehrte Leben des Eremiten geführt, aber das ist eine Sache persönlicher Wahl und keineswegs das Kennzeichen mystischer Bestrebungen. Das höchste Ideal aller Mystik ist vielmehr das, was im Mahāyāna-Buddhismus „Bodhisattva“ genannt wird. Ein Bodhisattva ist, wer das Göttliche überall und jederzeit, in jedem Menschen, jedem Ort und jedem Ding sieht und sich daher gar nicht in Einsamkeit und Trance zurückziehen muss, um seinen „Gott“ zu sehen. Die mystische Version des Bodhisattva ist identisch mit dem, was er jeweils gerade tut, und ob er nun tanzt, arbeitet, lacht, weint oder leidet, für ihn gilt stets das Wort des großen Zen-Meisters Ummon:

 

„Tag für Tag (ist) guter Tag.“

 

 

* * * * *

 

„Meister Ummon wird sicher auch weiterhin nur 'gute Tage' haben, wenn ich ihn wie folgt ergänze: Augenblick für Augenblick ist guter Augenblick - auch wenn er schlecht ist. – Nun könnten manche, die so ihre Probleme mit „wertenden Urteilen“ haben, in edler Absicht ihrerseits hinzufügen wollen: ‚Und umgekehrt - Augenblick für Augenblick ist schlechter Augenblick, auch wenn er gut ist. Die edle Absicht läge natürlich darin, auf die grundlegende non-duale Einheit von Gut und Böse aufmerksam machen zu wollen. Gutes existiert nur, weil es Böses gibt – und umgekehrt. Etwas populärer formuliert: Erkenne das Gute im Schlechten – aber auch das Schlechte im Guten. Dagegen habe ich nichts einzuwenden.

 

Bloß sollte man sich bewusst darüber sein, dass man an dieser hinweisenden Stelle nicht einfach stehen bleiben darf, denn sonst erweckt man den Eindruck einer grundsätzlich ungetrennten Werte-Relativität („Alles hängt mit allem zusammen.“) - was völlig okay ist –, die wegen ihrer Relativität zwangsläufig zu einer gelebten Werte-Beliebigkeit führen müsse („Es ist, wie es ist.“) – was völlig inakzeptabel und zutiefst „unmystisch“ ist. Nur weil alles relativ zueinander ist, ist nicht alles beliebig oder gleichwertig. Kürzer: Alles ist relativ, aber es ist nicht alles relativ beliebig. „Es ist, wie es ist“ meint nur allzu oft: „Egal, ob es gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, es ist. Und deshalb brauche ich meinen urteilenden Geist auch gar nicht zu bemühen. Hauptsache, ich fühle mich gut.“ Das ist natürlich Regression hinab in den Gefühlskörper und Verweigerung von Wachstum und Entwicklung auf der mentalen Ebene. Solche Halbweisheiten fördern unendliches Leid genau durch ihre Verweigerung, dieses flache und seichte Denken verlassen zu wollen. Sie ernähren das leidende Ego, von dem sie glauben, es mit dieser seichten Beliebigkeit „transzendiert“ zu haben. Pustekuchen … 

 

Augenblick für Augenblick ist schlechter Augenblick, auch wenn er gut ist – diese Sichtweise ist eben NICHT „identisch“ oder einfach „gespiegelt“ oder „beliebig wählbar“ oder „gleichwertig“ in Relation zur mystischen Sichtweise, die da unmissverständlich sagt, alle Augenblicke sind „gute“ Augenblicke – nicht schlechte. Denn tatsächlich tritt bei GESUNDER zunehmender Entwicklung des Bewusstseins ein „seltsames“ Phänomen auf: Das vermeintlich Böse verblasst. Das vermeintlich Falsche verblasst. Ängste verblassen. Und im gleichen Tempo erstrahlt das Gute heller, wird das Wahre wahrer und die Freude größer. Allerdings treten all diese wunderbaren Veränderungen nicht auf, wenn man nach Hellsichtigkeit oder sonstigen außersinnlichen Fähigkeiten strebt. Sie treten auf, wenn man "den WEG geht", den mystischen Weg.

 

Es ist NICHT so, dass das Gute stärker wird – und das Böse so böse bliebe wie es einmal war. Es ist so, dass das Böse schwächer wird – und ergo dann genau DAS immer stärker wahrgenommen wird, was „wirklicher“ und tatsächlich grundlegender ist: GUTHEIT, SCHÖNHEIT, WAHRHEIT – die innersten „Essenzen“ des Urgrundes, wenn man so will. Menschen benannten und benennen diese Essenzen, die mit zunehmendem  GESUNDEM Bewusstsein immer klarer wahrgenommen werden, mit Begriffen wie GOTT oder GOTTHEIT oder GEIST. Oder LICHT und LIEBE.

 

"Zunehmende Bewusstheit" allerdings reicht allein nicht aus, um in sich dieser LIEBE zum Strahlen zu verhelfen - denn auch die Nazis wurden sich zunehmend bewusster, wie sie etwa durch den Einsatz von Technik und Organisation ihre grausamen Vernichtungstaten "verbessern" konnten. "Zunehmende Bewusstheit" ist notwendig, aber nicht hinreichend. Die ergänzenden Faktoren sind im Individuum "abnehmende Egozentrik" und sind kollektiver Natur, sind WIR-Faktoren, wie etwa die Zugehörigkeit zu einer kollektiv geprägten Denk-Kultur "abnehmender Egozentrik" und die Einbindung in soziale Strukturen und Rechtssysteme, die ebenfalls vom Geist der "abnehmenden Egozentrik" geküsst wurden (Autoritären Hierarchien etwa sowie auf Willkür basierenden "Rechtssystemen"  fehlt dieser Kuss.). Mit anderen Worten: Wenn ich mich "heilen" möchte, genügt es nicht, zunehmend bewusst zu werden. Ich muss auch meine Egozentrik überschreiten lernen. Ich sollte auch mein mich mit-prägendes Umfeld unter die Lupe nehmen - und mich davon lösen, wenn ich es nicht angemessen verändern kann.     

 

Strebe also zum Besseren, zum Schöneren und zum Wahreren. Zum guten Tag, der gut ist, auch wenn er schlecht ist. Und nicht: Zum schlechten Tag, der schlecht ist, auch wenn er gut ist. Dies bedeutet: Strebe vom Unbewussten zum Bewussten zum Überbewussten. Vom Präpersonalen zum Personalen zum Transpersonalen. Vom Körper zum Geist zur Seele zum GEIST. Zum Licht. Lasse unterwegs nichts verloren gehen. Im Nur-GEIST lebst Du nicht. Im Nur-Körper auch nicht.

 

Benenne das Bessere, damit das Schlechtere verblassen darf.

Benenne das Schönere, damit das Hässlichere sich ausruhen darf.

Benenne das Wahrere, damit das Falschere schweigen darf.

 

Und schließlich: Umarme bezeugend und erkennend beide Seiten im Gewahrsein des EINEN GEISTES. Dann ist jeder Tag guter Tag. Und Augenblick um Augenblick wirst Du Dich dann für das  relativ Gutere, das relativ Wahrere und das relativ Schönere entscheiden. Und dies im vollen Bewusstsein darüber, dass schon im nächsten Augenblick eine schönere Schönheit, eine wahrere Wahrheit und eine bessere Gutheit auftauchen wird. Warum? GOTT hat Richtung, einfach so.

 

Du kannst „es“ dann nicht mehr aufhalten …“

 

 

 

 

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