Die Sprache der Liebe - der permanent urteilende Jesus

Wenn Sie, in welcher Form auch immer, sich mit Jesus, dem Christus, verbunden fühlen, sollten Sie gelegentlich die aufnehmende Offenheit und deutende Tiefe Ihrer eigenen erkennenden Perspektive überprüfen. Kurz: Prüfen Sie bitte Ihre höchstpersönliche Interpretation von Jesus Christus. Dieses Bemühen um zusätzliche Bewusstheit lohnt sich. Wer etwa – in verzerrter Deutung des Verhaltens Jesu - zu dem wertenden Urteil neigen sollte: „Hey, du sollst nicht urteilen“, der vermeidet nicht, wie vielleicht beabsichtigt, unnötiges Leid, sondern der erzeugt zusätzliches Leid – in sich selbst und für andere. Dies alles sicher unbewusst – aber DAS genau, diese Unbewusstheit, ist ja das verursachende Übel. Jesus dagegen handelte sehr bewusst - und so sprach er auch …

 

Die Sprache „der Liebe“ gibt es nicht, höchstens als hinweisende Metapher. In non-dualer Bewusstheit wirkt transpersonale LIEBE - und die spricht nicht, die IST. Alle anderen Bewusstseinszustände sind relative oder duale Zustände, was immer bedeutet, dass "die sprechende Liebe" sich dieser Dualität bewusst ist. Ist sie das aber, erkennt sie allmählich immer genauer das Gute und das Böse, das Wahre und das Unwahre - und entscheidet sich dann, spricht bewusst klare Worte, weist hin auf das Erkannte, ergänzt partiellere Deutungen (Frei nach Jesus: "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz abzuschaffen, sondern es zu erfüllen, zu erweitern, zu ergänzen.") - und weiss zugleich um die tieferen Begründungen für diese Urteile. Jesus kann nur deshalb vom "Reich Gottes" predigen, weil er dieses Reich als besser, als wahrhaftiger, als sinnvoller erkannt hatte. Kurz: Weil er in sich zu einem Urteil gelangt war.

 

Und natürlich darf hier der Hinweis nicht fehlen, dass der non-duale GEIST der LIEBE noch mehr erkannt hat, wenn er die Dualität von Gut und Schlecht, von Richtig und Falsch usw. transzendiert hat: Hier, in diesem Bewusstseinszustand, und NUR HIER, existiert beides gemeinsam in einer integrierten Umarmung, die weder gut noch schlecht ist, sondern einfach IST. Und die geistige Kraft, die subtile Energie, die nun das Gute bzw. das Böse in einem höchst aktiven Akt geistig entstehen lässt, diese Kraft - bist du selbst, wenn du göttlichen GEIST "vergisst" und dich identifizierst mit den weniger bewussten Ebenen, sprich: zur Person wirst und vom "Ich" sprichst.

 

Ist dieser Vorgang des "Abfalls" aus dem GEIST heraus, der in jeder Sekunde stattfindet, nun gut oder schlecht? Er ist zutiefst gut, denn GEIST will, dass du zu urteilen lernst. Warum? Weil der Aufstieg zum höchsten Bewusstsein erkennenden und gerecht urteilenden Geist benötigt. Das wichtigste Urteil, zu dem du gelangen sollst, lautet: "Wer behauptet, nicht-urteilen sei besser als urteilen, urteilt. Also ist urteilen besser als nicht-urteilen." Und "gerechte Urteile" zu fällen - wie Jesus es forderte - ist wiederum besser als "nach dem Augenschein" zu urteilen. Genauer: Je bewusster du urteilst, desto eher und desto liebevoller näherst du dich der Quelle aller Urteile, dem GEIST selbst. (Wer Geist hat zu verstehen, der verstehe.)           

 

Was es also in der dualen Welt gibt, sind mehr oder weniger bewusst agierende Menschen und ihre subjektiven Deutungen von transpersonaler LIEBE. GOTT spricht nicht, aber Menschen, die IHM sehr nahe sind, tun dies – und deuten das innerlich Erfahrene IMMER und ÜBERALL nach ihren subjektiven Maßstäben, die ihrerseits stark beeinflusst sind von „unsichtbaren“ intersubjektiven Deutungsmustern. So spricht etwa die „unschuldige“ Liebe des unbewussten Kindes eine andere Sprache als die egozentrische Liebe des selbstsüchtigen Herrschers, welche ihrerseits zu anderen „liebenden“ Urteilen gelangt als die liebende Sprache der gereiften weltzentrischen Vernunft.

 

Tja, und dann ist da noch dieser Jesus. Welche Sprache benutzte er wohl? Wenn er, wie viele wohl vermuten würden, die Sprache eines Heiligen, eines Erleuchteten, eines wahren Gotteskindes benutzte, dann könnte es hilfreich sein, sich die Sprache „dieser Liebe“ in all ihren Facetten anzuschauen, nicht wahr? Egal, was Ihnen dabei auffallen wird, eines sollte Ihnen auf jeden Fall bewusst werden: Jesus urteilt permanent. Würden Sie heute so reden - sagen wir, in Ihrem Sportverein - hätten Sie mindestens ein Akzeptanzproblem ... (Vielleicht hätten Sie einige „Anhänger“, aber der Großteil des Sportvereins würde einen dezenten Sicherheitsabstand zu Ihnen wahren.)

 

Warum also sprach Jesus derartig wertend? Und, viel wichtiger: Woher nahm er den Maßstab für seine Urteile, woher die innere Kraft? Wie kann es sein, dass er scheinbar mühelos zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse, zwischen wertvoll und unnütz unterscheiden konnte – und dies auch aussprach?

 

Erlauben Sie mir einen orientierenden Hinweis: Angenommen, Jesus war GOTT nahe („Ich und der Vater sind eins.“). Und angenommen, GOTT ist „die Liebe“ in ihrer reinsten Form. Und weiter angenommen, diese LIEBE entfaltete sich im Kósmos als gerechte GUTHEIT, als erkennende WAHRHEIT und als aufrichtige SCHÖNHEIT. Müsste dann nicht der Mensch immer mehr von diesem Guten, diesem Wahren und diesem Schönen erkennen und aussprechen können, je näher er oder sie diesem GOTT ist? – Wenn ja, dann bliebe nur noch die Frage: Wie schaffe ich es, IHM näher zu kommen? Oder, genauer: Wie schaffe ich es, IHN, der JETZT schon voll umfänglich IN MIR ist, ungestört durch mich UND zugleich ALS ICH wirken zu lassen?

 

Aber vielleicht möchten Sie das ja gar nicht. Denn vielleicht ist es ja besser, äußerlich im Sportverein den Mitmenschen näher zu sein als innerlich der Wahrheit, der Gutheit und der Schönheit dieses GOTTES. Und vielleicht ist auch der Weg dorthin, zu diesem GOTT, kein leichter Aufstieg, sondern ein mühseliger. Vielleicht kostet er das eigene Ich. Vielleicht nennen wir heute diesen Weg den „mystischen Weg“. Tja, vielleicht – aber wie wäre es, Sie würden sich selbst ein Urteil bilden?

 

Ihr

Carsten Rachow

Die Schriften des Neuen Testaments

 

(gekürzt zitiert aus: Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Gesamtausgabe,

Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, 5. Auflage 2005;)

 

Ich behaupte nicht, dass die nachfolgenden Worte „Originaltöne“ Jesu sind. Manche mögen es sein, andere nicht. Sie können also leicht Ihren Jesus „schützen“, indem Sie behaupten, das Folgende kann er unmöglich gesagt haben. Sie können aber auch beginnen, darüber nachzudenken. Und wenn Sie dies tun, dann empfehle ich Ihnen, weniger über die Inhalte seiner Urteile nachzudenken als vielmehr über denjenigen, der diese Urteile ausspricht, kurz: über das sprechende Subjekt namens „Jesus“. Was mag diesen Menschen „getrieben“ haben? Von welcher Höhe des Bewusstseins heraus könnte er gesprochen haben? Und könnte er vielleicht bewusst verschiedene „Sprachen“ gewählt haben, passend jeweils zum Fassungsvermögen seines Gegenübers?

 

Zugleich bitte ich Sie, Ihren eigenen Deutungsmustern etwas näher auf die Spur zu kommen. Hier hilft Ihnen vielleicht folgender netter Selbstversuch, der in Ihnen eine ungefähre Erfahrung (nicht: Vorstellung) der inneren Kraft, die Jesus gefühlt haben könnte, auslösen mag: Sprechen Sie die folgenden Sätze aus der „pointierten Kurzfassung“ einmal laut und kraftvoll im Kreise Ihrer Familie oder Freunde aus. Spielen Sie einmal gemeinsam dieses „Jesus-Sprachspiel“ und achten Sie dabei vor allem auf Ihr Herz. Spielen Sie dieses Spiel bitte in zwei Varianten: Einmal sprechen Sie mit zorniger, anklagender und wütender Stimme – und dann mit verständnisvoller, „liebender“, aber dennoch klarer Stimme. Und achten Sie dabei auf Ihren inneren Zustand, okay?

 

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben dabei viel Vergnügen und neue Einsichten.

 

 

Pointierte Kurzfassung nach Matthäus: Die liebende Sprache von Jesus aus Nazareth

 

„Ich aber sage euch: Es gibt Größeres und Besseres. Was tust Du Besonderes? Du Kleingläubiger, du Heide, du Heuchler, du Böser, du falscher Prophet. Weg von mir, du Toter, du unvernünftiger Mann mit den bösen Gedanken im Herzen. Ich erkundige mich, wer von euch es wert ist. Vor den anderen nehmt euch in Acht! Ich werde sie verleugnen und bringe das Schwert. Ich bekomme recht. Denn ich bin gütig und demütig. Bist du für mich oder gegen mich? Ihr böse Schlangenbrut, die ihr unnütze Worte redet. Ich verkünde das Verborgene. Begreift ihr denn immer noch nicht? Geh mir aus den Augen! Muss ich euch noch länger ertragen? Ich weise dich zurecht. Du irrst dich. Du blinder Narr: Was ist denn wichtiger? Du bist wie ein Grab, innen voller Schmutz.“

 

Und hier die „Originalworte“ aus dem Neuen Evangelium (die blauen Worte habe ich für die pointierte Kurzfassung verwendet):

 

  1. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer  ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,17)
  2. Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. (Mt 5,30)
  3. Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? (Mt 5,47)
  4. Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. (Mt 6,2)
  5. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! (Mt 6,30)
  6. Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. … Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. (Mt 7,2-5)
  7. Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten. (Mt 7,11)
  8. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn. (Mt 7,14)
  9. Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe. (Mt 7,15)
  10. Jeder Baum, der keine guten Früchte hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen. (Mt 7,19-20)
  11. Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes! (Mt 7,23)
  12. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. (Mt 7,26)
  13. Jesus erwiderte: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben! (Mt 8,22)
  14. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? (Mt 8,26)
  15. Warum habt ihr so böse Gedanken im Herzen? (Mt 9,4)
  16. Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen … (Mt 10,11)
  17. Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! (Mt 10,17)
  18. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ichvor meinem Vater im Himmel verleugnen. (Mt 10, 33)
  19. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. (Mt 10,34)
  20. Und doch hat die Weisheit durch die Taten, die sie bewirkt hat, recht bekommen. (Mt 11,19)
  21.  … lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig. (Mt 11,29)
  22. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; … (Mt 12,30)
  23. Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid? (Mt 12,34)
  24. Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, … (Mt 12,36)
  25. Ich öffne meinen Mund und … ich verkünde, was seit der Schöpfung verborgen war. (Mt 13,35)
  26. Seid auch ihr noch immer ohne Einsicht? Begreift ihr nicht, … (Mt 15,17)
  27. Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! (Mt 16,23)
  28. O du ungläubige und unbelehrbare Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? (Mt 17,17)
  29. Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. (Mt 18,15)
  30. Ihr irrt euch; … (Mt 22,29)
  31. Weh euch, ihr seid blinde Führer! … Ihr blinden Narren! Was ist wichtiger: … (Mt 16-17)
  32. Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung. (Mt 23,27)

 

 

Hätte Jesus „nicht geurteilt“, wüssten wir nichts von ihm. Er hätte gelebt, farblos, unsichtbar, angepasst, und wäre gestorben. Wer sich an Jesus orientiert, sollte wissen, dass die Liebe niemals schweigt und im Ungefähren schwelgt. Sie spricht aus, sie macht erkennbar - und dadurch hilft sie, dadurch heilt sie. Jesu Liebe ist immer auch getragen von einer Leidenschaft, die tatsächlich „Leiden schafft“ (etwa beim Adressaten des Wortes: "Du bist wie ein Grab, außen schön, innen voller Schmutz", dessen Bewusstsein mit einer Wahrheit konfrontiert wird, die es bislang nicht wahrhaben wollte.) Seltsam, diese Liebe, nicht wahr?

 

Ich also ermutige zum Streben nach immer gerechteren Urteilen. Zur Wertung. Zum Abwägen. Wenn du tatsächlich das „Abbild“ GOTTES bist, wenn du tatsächlich sein „Spiegel“ bist, dann reinige diesen Spiegel. Säubere seine spiegelnde Oberfläche, mithin dich selbst. Je klarer du siehst, desto mehr von GOTTES Licht wirst du spiegeln. Du kommst der Liebe umso näher, je klarer du urteilen und deine Urteile begründen kannst.

 

Wenn du diese klare Bewusstheit über dich und deine Wertungen erlangt hast, was hast du dann? Was kannst du dann umso leichter in dir und im Anderen erkennen – und besser verstehen, leichter verzeihen? Erinnere dich: „Du kannst im Anderen nur erkennen, was du in dir erkannt hast.“ Oder mit Jesu Worten: „Wenn du den Balken in deinem Auge erkannt hast, wirst du sehend, um den Splitter im Auge des Anderen zu erkennen und zu heilen.“ Vergebung hat verstanden, Verurteilung nicht.

 

Sie wollen die Liebe verkörpern? – Dann werden Sie mutiger und urteilen Sie. Wer klar und begründet und bewusst urteilt, verurteilt nicht. Wer unklar urteilt, verurteilt. Das Geheimnis der Liebe heißt BEWUSSTHEIT. Jesus sagte: "Urteilt nicht nach dem Augenschein, sondern urteilt gerecht!" (Joh 7,24)     

 

 

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