Das "1-2-3 Gottes" oder "Die drei Gesichter von GEIST"
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir über Gott aus drei fundamentalen Perspektiven heraus denken und sprechen können? Und das kulturübergreifend, in jeder Hauptsprache der Welt?
Wir können über Gott in der dritten Person („Es“) sprechen, und dann erscheint Gott als Großes Netz des Lebens, als die gesamte Totalität des Seins oder einfach als NATUR. Diese Auffassung von Gott wurde durch Spinoza bekannt.
In der zweiten Person erscheint uns Gott als ein großes „Du“, als eine lebendige und allmächtige Intelligenz und Liebe, als erste Ursache und „erster Beweger“ aller Existenz. Die theistischen Traditionen des Westens kommunizieren vor allem dieses Gesicht von Gott oder GEIST.
Und Gott in der ersten Person erscheint als ein großes „Ich“ oder Ich-Ich, also das Ich oder Selbst, das Zeuge des eigenen Ich ist, es transzendiert und liebevoll umarmt, der Große Geist, der unser Gewahrsein ist in diesem und jedem Augenblick. Die östlichen Traditionen sehen vor allem dieses Gesicht von GEIST.
Welches dieser Gesichter ist das richtige? Alle drei natürlich. Sie können jede dieser Perspektiven einzeln einnehmen und für sich nutzen – oder sich darin üben, sie alle gemeinsam zu umarmen. In diesem Falle, wenn Sie alle drei Gesichter nutzen, stellt sich ein „spezielles integrales spirituelles Gewahrsein“ (Wilber) ein, und genau darüber berichtet der folgende, außergewöhnlich schöne Text, der zugleich eine anregende Übung für Ihr spirituelles Gewahrsein ist.
Ihr
Carsten Rachow

Das 1-2-3 Gottes
(gekürzt zitiert aus: Ken Wilber, „Integrale Vision“, Kösel-Verlag 2009;
fett gedruckte Hervorhebungen von Carsten Rachow)
Sie können Gott in jedem Augenblick als dritte Person „Es“, als zweite Person „Du/Ihr“ oder als erste Person „Ich“ erleben. Sprechen Sie einfach still für sich die folgenden Sätze und erlauben Sie jeder Perspektive, sich auf natürliche Weise sanft in Ihrem Gewahrsein zu entfalten.
§ Ich betrachte Gott als alles, was entsteht – die große Vollkommenheit dieses und jeden Augenblicks.
§ Ich sehe Gott und kommuniziere mit Gott als unendliches Du/Ihr, das mich beschenkt mit allem Segen und vollkommener Vergebung, und dem ich unendliche Dankbarkeit und Hingabe darbringe.
§ Ich ruhe in Gott als meinem eigenen Zeugen und meinem eigenen ursprünglichen Selbst, dem Großen Verstandesgeist, der eins ist mit allem, und in diesem immer gegenwärtigen, leichten und natürlichen Zustand lebe ich meinen Tag.
Sie können das Wort „Gott“ nach Belieben durch ein anderes Wort ersetzen, mit dem Sie sich ein höchstes Wesen vergegenwärtigen, sei es „GEIST“, „Jehova“, „Allah“, „Brahman“, „Herr“ oder „Der Eine“. Hier folgt eine weitere Version dieser Meditation, die sich eher an der ersten Person orientiert.
Werden Sie aufmerksam für Ihr augenblickliches Gewahrsein. Nehmen Sie alles wahr, was in Ihrem Gewahrsein entsteht – die Bilder und Gedanken, die in Ihrem Verstand entstehen, die Gefühle und Empfindungen, die in Ihrem Körper entstehen, die unzähligen Gegenstände um Sie herum im Raum oder in Ihrer weiteren Umgebung. All das sind Objekte, die in Ihrem Gewahrsein entstehen.
Denken Sie jetzt daran, was vor fünf Minuten in Ihrem Gewahrsein war. Die meisten Gedanken haben sich verändert, die meisten Körperempfindungen haben sich verändert, und wahrscheinlich hat sich auch Ihre Umgebung verändert. Aber etwas hat sich nicht verändert. Etwas in Ihnen ist jetzt noch dasselbe wie vor fünf Minuten. Was ist jetzt, in diesem Augenblick, präsent, das auch vor fünf Minuten präsent war?
ICH-BIN-heit. Das fühlende Gewahrsein von ICH-BIN-heit ist weiterhin präsent. Ich bin diese immer gegenwärtige ICH-BIN-heit. Diese ICH-BIN-heit ist jetzt präsent, war vor einem Augenblick präsent, war vor einer Minute präsent, war vor fünf Minuten präsent.
Was war vor fünf Stunden präsent?
ICH-BIN-heit. Dieses Gefühl von ICH-BIN-heit ist eine kontinuierliche, um sich selbst wissende und sich selbst erfahrende, sich selbst würdigende ICH-BIN-heit. Sie ist jetzt präsent, sie war vor fünf Stunden präsent. Alle meine Gedanken haben sich verändert, alle meine Körperempfindungen haben sich verändert, meine Umgebung hat sich verändert, aber ICH BIN ist immer präsent, strahlend, offen, leer, klar, weiträumig, transparent, frei. Gegenstände haben sich verändert, doch nicht diese formlose ICH-BIN-heit. Diese offensichtliche und gegenwärtige ICH-BIN-heit ist jetzt ebenso präsent, wie sie vor fünf Stunden präsent war.
Was war vor fünf Jahren präsent?
ICH-BIN-heit. So viele Dinge sind gekommen und gegangen, so viele Gefühle sind gekommen und gegangen, so viele Gedanken sind gekommen und gegangen, so viele Dramen und Schrecken, so viel Liebe und Hass sind gekommen, eine Weile geblieben und gegangen. Aber eines ist nicht gekommen, und eines ist nicht gegangen. Was? Was ist das Einzige, was in Ihrem Gewahrsein jetzt in diesem Augenblick präsent ist, und von dem Sie erinnern, dass es auch vor fünf Jahren präsent war? Dieses zeitlose, immer gegenwärtige Gefühl von ICH-BIN-heit ist jetzt ebenso präsent, wie es vor fünf Jahren präsent war.
Was war vor 500 Jahren präsent?
Alles, was immer präsent ist, ist ICH-BIN-heit. Jeder Mensch fühlt dieselbe ICH-BIN-heit – denn sie ist kein Körper, sie ist kein Gedanke, sie ist kein Objekt, sie ist nicht die Umgebung; sie ist nichts, was wir sehen können, sondern vielmehr der immer gegenwärtige Seher, der immer existierende offene und leere Zeuge all dessen, was entsteht; in jedem Menschen, in jeder Welt, an jedem Ort, zu jeder Zeit, in allen Welten bis zum Ende der Zeit gibt es nur und immer diese offensichtliche und unmittelbare ICH-BIN-heit. Was sonst könnten Sie kennen und erfahren? Was sonst kennt und erfährt jede und jeder von uns? Es gibt nur und immer diese strahlende, um sich selbst wissende und sich selbst erfahrende, sich selbst fühlende, sich selbst transzendierende ICH-BIN-heit, ganz gleich, ob sie jetzt, vor fünf Minuten, vor fünf Stunden oder 500 Jahren präsent ist und war.
Vor 5000 Jahren?
Vor Abraham war ICH BIN. Vor dem Universum war ICH BIN. Dies ist mein ursprüngliches Gesicht, das Gesicht, das ich hatte, bevor meine Eltern geboren wurden, das Gesicht, das ich hatte, bevor das Universum geboren wurde, das Gesicht, das ich seit aller Ewigkit hatte, bevor ich beschloss, eine weitere Runde Verstecken zu spielen und mich in den Dingen meiner eigenen Schöpfung zu verlieren.
Ich werde NIEMALS wieder so tun, als würde ich um meine eigene ICH-BIN-heit nicht wissen, sie nicht erfahren oder fühlen.
Und damit hat sich das Spiel erledigt. Millionen von Gedanken sind gekommen und gegangen, Millionen von Gefühlen ind gekommen und gegangen, Millionen von Objekten sind gekommen und gegangen. Aber eines ist nicht gekommen und eines ist nicht gegangen: Das große Nicht-Geborene, das große Nicht-Sterbende, das den Strom der Zeit nie betritt oder verlässt, eine reine Präsenz jenseits aller Zeit, die in der Ewigkeit schwingt. Ich bin diese große, offensichtliche, um sich selbst wissende und sich selbst erfahrende, sich selbst würdigende und sich selbst befreiende ICH-BIN-heit.
Vor Abraham war ICH BIN.
ICH BIN ist nichts anderes als GEIST in der ersten Person, das höchste, sublime, strahlende, alles erschaffende Selbst des gesamten Kosmos, gegenwärtig in mir und dir, ihm, ihr und ihnen – als die ICH-BIN-heit, die jede und jeder von uns fühlt.
Denn in allen bekannten Universen beträgt die Gesamtzahl aller ICH BINs immer nur eins.
Ruhen Sie immer als ICH-BIN-heit, genau die ICH-BIN-heit, die Sie im Augenblick fühlen, die nicht geborener GEIST selbst ist, leuchtend als Sie und in Ihnen. Nehmen Sie auch Ihre persönliche Identität an – als dieses oder jenes Objekt, dieses oder jenes Selbst, dieser oder jener Gegenstand – und ruhen Sie dabei immer im Urgrund von alledem, als diese große und vollkommen offensichtliche ICH-BIN-heit. Und dann stehen Sie auf und fahren Sie fort mit Ihrem Tag in dem Universum, in dem ICH geschaffen BIN und das ICH BIN geschaffen hat.
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Ich versichere Ihnen, all das können Sie fühlen. Es fühlt sich an wie …
Was sagte Jesus, sei das einzige und zugleich das höchste Gebot?:
„Du sollst nur den einen Gott lieben, von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft.
Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Dich, mich und uns alle - drei Perspektiven, drei Personen, drei Gesichter …