CARSTEN RACHOW GEISTiges Heilen

Jesus, Energie, Bewusstsein und Heilung

(Interview mit meinem Selbst.

Über Fragen, die mir gestellt wurden und die ich mir selbst stellte.

Mit Antworten, die ich selbst und die Fragenden als hilfreich empfanden.

Stand: Februar 2010, Carsten Rachow, Frankfurt am Main)

 

Carsten, alle Welt redet von „Energie“. Aber was ist das eigentlich, „Energie“?

Energie ist, sehr verkürzt, eine „wirkende Kraft“. Aristoteles beschrieb Energie in philosophischer Semantik als „die wirksame Kraft, die die Möglichkeit in die Wirklichkeit treibt“. Hier kommt der völlig richtige Gedanke von Energie als einer starken Kraft, die potenziell "alles, was möglich ist", wirklich werden lässt. Wir sollten diese alte antike Weisheit nie vergessen: Heilung ist immer möglich, weil Energien immer wirken.

 

Und Heraklit hatte intuitiv erkannt, dass Energie irgendwie für die „ewige Unruhe“ des Universums verantwortlich sein müsste, also für sein Werden und Vergehen, für Bewegung und Ruhe. Deshalb formulierte er: „Alles fließt.“ Wir sollten auch diese antike Weisheit nie vergessen: Heilung ist immer möglich, wenn Energien "fließen", also nicht blockiert sind.

 

Aber auch Jesus hat über Energie gesprochen, was wohl nur wenigen bewusst ist. Er sprach weniger über die Wirksamkeit von Energie als vielmehr über ihre Quelle - und darüber, dass sie sich mal bewegt und mal nicht. Sehr deutlich wird das in dem „geheimen“ Jesus-Wort aus dem mystischen Thomas-Evangelium, Spruch 50, wo Jesus zu seinen Jünger sagt: „Wenn die Leute euch fragen: Woher seid ihr gekommen? so antwortet ihnen: Wir sind aus dem Licht gekommen, da, wo das Licht aus sich selbst entstanden ist.“ Hier verweist er offensichtlich – unter Verwendung anderer Begriffe - auf das mysteriöse Phänomen „Energie“. Und fügt, als ob er es besonders unterstreichen wollte, noch hinzu: “Wenn euch die Leute fragen: Was ist das Zeichen eures Vaters an euch? So antwortet ihnen: Es ist Bewegung und Ruhe.“

 

Bewegung und Ruhe, Licht, alles fließt - wenn wir all diese Hinweise zusammenfassen, dann können wir über Energie sagen, dass sie aus einer mysteriösen Quelle stammt, nämlich von „da, wo Energie aus sich selbst entstanden ist“. Auf diese kryptische Jesus-Formulierung werde ich gleich noch eingehen, denn sie ist hochinteressant und führt uns direkt ins Licht der modernen Forschung über Geist und Bewusstsein. Weiterhin können wir sagen, dass Energie immer „fließt“ und dabei immer „wirkt“, und zwar dergestalt, dass sie „die Möglichkeit in die Wirklichkeit treibt“. Was ist „Wirklichkeit“? Nun, ganz allgemein ist Wirklichkeit die Welt der Objekte, der Formen.

 

Nehmen wir jetzt noch das profunde Wissen der indischen und buddhistischen Weisheitstraditionen hinzu und nähern wir uns den mystischen Begriffen von „Leere und Form“. Was ist damit gemeint? Nun, mit „Form“ sind alle Objekte der sichtbaren „realen“ Welt gemeint; und „Leere“ verweist auf den spirituellen Ur-Grund, auf die unsichtbare Quelle, aus der heraus alle Formen entstehen.

 

Könnte das dann nicht bedeuten, dass mit „Leere“ die geheimnisvolle Quelle gemeint ist, von der Jesus sprach, der Ort, aus dem heraus „Energie aus sich selbst“ entsteht?

Gut gebrüllt, Löwe. Ich werde gleich erläutern, was genau es mit der Leere auf sich hat. Zuvor jedoch: Mit „Form“ ist die uns bekannte Welt der Dinge und Objekte gemeint, also exakt das, von dem Aristoteles sagte, es sei „in die Wirklichkeit getrieben“. Wir können also sagen: Energie „treibt“ alle Formen in die Wirklichkeit. Und spätestens seit Einstein wissen wir: Alle Formen sind Energie. Genau das hat Einstein in seiner berühmten „Masse-Energie-Äquivalenz“ und in der Formel E = MC2 beschrieben.

 

Wenn aber alle Formen aus Energie sind oder „Formen von Energie“ sind, dann kann Energie nicht „die Leere“ sein, nicht wahr? Denn „Leere“ und „Form“ sind ganz offensichtlich verschieden, sind „zwei“. Der Gedanke liegt also nahe, dass Energie möglicherweise aus der Leere entspringt, dort ihren Quell haben könnte, ihren Ursprung, selbst aber nicht diese Leere ist. Und dieser Gedanke ist falsch.

 

Warum?

Nun, erinnern wir uns zunächst an Jesus: „Wir sind von da gekommen, wo das Licht oder die Energie aus sich selbst heraus entstanden ist.“ Gesucht wird offensichtlich ein „Ort“, der gerade nicht verschieden ist von Energie, wie etwa die Leere, denn wenn etwas verschieden ist von Energie, wie könnte dann Energie „aus sich selbst heraus“ entstehen? Das ist vollkommen unmöglich. Worauf Jesus verweist, ist kein von Energie getrennter Ort, sondern ganz im Gegenteil ein Ort, der irgendwie Energie „beinhalten“ muss, was nicht ausschließt, dass dieser Ort auch noch anderes beinhalten könnte. Aber Energie sollte jedenfalls dabei sein, denn sonst könnte Energie nicht „aus sich selbst heraus“ geboren werden, nicht wahr?

 

Muss ein seltsamer Ort sein.

Och, so seltsam finde ich ihn gar nicht. Einige hinweisende Kriterien liegen uns ja bereits vor. Lass uns mal weiter gehen, ich denke, es wird noch interessanter – und vielleicht auch begreiflicher.

 

Also, was haben wir?: Energie ist Form, alle Formen sind Formen von Energie. Die reale Welt der Wirklichkeit ist eine Welt der Formen, die - von Energie „getrieben“ – sich von Augenblick zu Augenblick manifestiert. Sie entwickelt sich, sie „fließt“, wie Heraklit sagte, oder, wie wir im Lichte moderner Erkenntnisse heute sagen, sie evolviert, sie folgt einer Evolution. Und dieser Gedanke bringt uns nun mitten hinein in die Moderne und in die Erkenntnisse der aktuellen Forschungen über Geist, Bewusstsein und Evolution.

 

Inwiefern?

Nun, heute sprechen wir weniger von „Leere und Form“, sondern vielmehr von „Innen und Außen“. Alle Form hat ein Äußeres, welches wir beobachten, erkennen, fühlen, wissenschaftlich vermessen können. Wenn wir Formen oder Objekte beobachten oder vermessen, beobachten oder vermessen wir zugleich Energie – einfach deshalb, weil alle Objekte Formen von Energie sind. Wenn aber etwas ein Äußeres hat, hat es auch ein „Inneres“. Zu behaupten, es gäbe das eine ohne das andere, wäre gleichbedeutend mit der Behauptung, es gäbe ein Oben ohne ein Unten, was ziemlich lächerlich wäre, nicht wahr? Leere und Form, Innen und Außen. Beides existiert immer zusammen – oder gar nicht. Wo ein Außen ist, ist auch ein Innen. Und was ist nun dieses „Innen“ oder diese „Innerlichkeit“, von der wir sagten, es sei identisch mit der Leere?

 

Lass mich raten: Geist oder Bewusstsein?

Nicht Geist, aber Bewusstsein. Das Innen der Dinge ist Bewusstsein oder Bewusstheit, das Außen der Dinge ist Form oder Energie. Und das bedeutet, dass Energie tatsächlich nicht die Leere ist, wie wir oben schon vermuteten. Es bedeutet zugleich, dass Energie nicht Bewusstsein ist und umgekehrt. Beide erscheinen zusammen, überall, weil kein Außen ohne ein Innen erscheinen kann. Aber beide sind „phänomenologisch“ oder „stofflich“ nicht identisch. Das ist wichtig, sehr wichtig. Das eine, nämlich Energie, kann ich messen, kann ich mir „von außen“ anschauen. Dagegen kann ich das andere, nämlich Bewusstsein, von außen zunächst überhaupt nicht anschauen, sondern nur von innen heraus. Energie kann ich messen, ohne mich zu unterhalten, ich kann „monologisch“ mit einem Messgerät einfach nachschauen. Nicht so innen, nicht so bei Bewusstsein: Hier muss ich „dialogisch“ hinschauen, muss also aussprechen, was ich innerlich wahrnehme. Mehr noch: Ich muss herausfinden, was es wohl bedeuten könnte, was da im Innen erkennbar wird. Ich benötige also so etwas wie „subjektive Aufrichtigkeit“, um das Innen zu verstehen; und ich benötige so etwas wie „objektive Wahrheit“, um das Außen „richtig“ zu vermessen.

 

Wenn Bewusstsein „überall“ ist, weil jede äußere Form eine Innerlichkeit hat, dann hat also auch ein Atom, eine Zelle, ein Stein und eine Pflanze so etwas wie Bewusstsein?

Sicher doch, einfach deswegen, weil Atome, Zellen, Steine und so weiter alles Formen mit einer Äußerlichkeit sind. Und wo ein Außen, da auch ein Innen. Das Außen können wir wissenschaftlich messen, wir können es anfassen und beobachten – „hinunter“ bis in den subatomaren Bereich der Quarks und der Energiequanten und ausgeweitet bis in die kosmischen Bereiche der Planeten, Sterne und Galaxien. Und überall ist Bewusstsein, weil alles eine Innerlichkeit hat. Punkt.

 

Es ist bloß so, dass diese Innerlichkeit nicht überall „gleich“ ist. So wie es Formen von Energie gibt, gibt es auch Formen von Bewusstsein – oder, moderner formuliert: Stufen oder Ebenen des Bewusstseins. Ein Atom hat eine andere Innerlichkeit als ein Felsen, eine Möwe eine andere als eine Mohrrübe. „Überall Bewusstsein“ bedeutet nicht, überall gleiches oder gar überall menschliches Bewusstsein. Ein Stein fühlt nicht, eine Mohrrübe denkt nicht. Ein Felsen hat ebenso wenig eine Seele wie der Planet „Erde“. Und innerhalb eines Menschen entwickelt sich Bewusstsein über gut erforschte Ebenen oder Stufen, was schlicht bedeutet, dass auch Menschen nicht alle die gleiche Innerlichkeit haben.

Natürlich kann ich sagen, wie manche Träumer, das ganze Universum sei bewusst und „beseelt“. Ich sollte bloß hinzufügen, „nicht in gleicher Weise“ – was immer wieder verschwiegen wird, weil es nicht erkannt wurde. Die schiere Größe und Weite des Universums beeindruckt sehr viele Menschen, ich weiß, aber sie sollten bedenken, dass es sich hier um eine „äußere“ Größe oder Weite einer niederen Form handelt. Was ich im Universum sehe, sind „fliegende Steine und brennende Materie“, mehr nicht. Was ich dort nicht entdecken werde, weil es dort einfach nicht existiert, ist „innere“ Größe oder Tiefe oder entwickeltes Bewusstsein. Bei wahrhaft spiritueller Entwicklung wirst Du ohnehin eines Tages erkennen, dass Du nicht im Universum bist, sondern dass das Universum in Dir ist – wie eben alle niederen Ebenen „in“ den höheren Ebenen sind.

 

Mir persönlich ist es ziemlich wurscht, ob ein Atom oder eine Mohrrübe ein Bewusstsein hat oder nicht, denn eines ist klar: Es handelt sich lediglich um schwach entwickeltes Bewusstsein, um rudimentäre Innerlichkeit, um eine der untersten Stufen auf der Evolutionsleiter des Innen und des Außen. Weil ich derjenige bin, dem mehr vom Kosmos innerlich ist, bin ich aber auch derjenige, der jeden Baum, jeden Stein und jedes Atom behüten und bewahren möchte - wie die Mutter die Hüterin ihres weniger entwickelten Kindes ist. Das Höhere bewahrt das Niedere, nicht umgekehrt. Die Natur bewahrt uns vor nichts, es ist ihr scheißegal, ob es uns Menschen gibt - aber uns sollte es nicht scheißegal sein, ob es eine Natur gibt, nicht wahr?

Ich erwarte von einem Baum keine Antworten für mein Leben und was ein Atom so innerlich „fühlt“, ist für mich bedeutungslos. Und noch viel weniger interessiert mich die angebliche „spirituelle Kraft“ des Quantenvakuums, also einer Ebene, die noch unterhalb der atomaren Ebene liegt, denn hätte ich nur diese Kraft in mir, würde ich auf der Stelle tot umfallen. Ist es nicht seltsam? Wenn die „Quanten“ spirituelle, befreiende, erzeugende oder heilende oder was auch immer für eine Kraft besäßen, müsste dann nicht ein einfacher Stein noch wesentlich mehr davon besitzen? Schließlich ist der Stein eine deutlich entwickeltere Form, er kennt schon Atome und kristalline Verbindungen, also komplexere Strukturen, die die Quantenebene nicht kennt. Der Stein ist Gott näher als alle Quanten dieser Welt, weil er eine Ebene „höher“ entwickelt ist. Ich ziehe es stattdessen vor, nicht nach „unten“ zu den Quanten zu schauen, sondern nach innen und nach oben, denn schließlich steht jeder Mensch Gott noch sehr viel näher als jeder Stein. Oder möchtest Du das bezweifeln?

 

Du wolltest noch auf das kryptische Jesus-Wort eingehen …

Oh ja, danke für die Erinnerung. Wenn Jesus sagt, wir sind „von da gekommen, wo das Licht aus sich selbst entstanden ist“, dann meint er damit nicht die Leere, nicht das Innen aller Formen und auch nicht Bewusstsein, sondern er meint die höchste Ebene oder die erste Quelle, aus der heraus alles entsteht, also auch Leere und Form, Bewusstsein und Energie. Er meint „Gott“. Gott ist der geheimnisvolle Ort, der irgendwie Energie beinhaltet, aber auch noch anderes, und aus dem heraus alles entsteht. Das hört sich verzwickter an als es ist.

 

Es hört sich sehr verzwickt an …

Leere und Form, Innen und Außen, Bewusstsein und Energie – all das sind, wie ich oben sagte, „zwei“, nicht wahr? Wenn etwas „zwei“ ist, ist es phänomenologisch verschieden oder einfach „dual“. All diese Begriffe beschreiben also „Dualitäten“: oben und unten, hell und dunkel, innen und außen, Leere und Form und so weiter. Das aber bedeutet, das Gott oder die Gottheit dann all das nicht sein kann, nicht wahr? Wäre Gott die Leere, wäre „er“ nicht die Form. Wäre er das Innen, wäre er nicht das Außen. Kurz: Gott wäre unvollständig, wäre immer irgendetwas nicht – was ganz offensichtlich nicht sein kann. Wäre Gott das Gute, wäre er nicht das Böse. Dann aber wäre er nicht Gott, denn dann würde ihm etwas fehlen. Daraus folgt, dass Gott auch nicht Bewusstsein oder Innerlichkeit sein kann, denn wäre er das, wäre er nicht Energie oder äußere Form. Dieser mysteriöse Ort namens „Gott“ muss irgendwie „mehr“ sein, muss irgendwie „alles“ beinhalten, alles umarmen, alles einschließen. Aus diesem Ort heraus müssen Leere und Form entstehen können, müssen Bewusstsein und Energie entstehen können, müssen das Innen und das Außen entstehen können.

 

Also gut, erweitern wir einfach den Gottesbegriff, machen wir einfach „mehr“ aus Gott, machen wir einfach ALLES aus ihm, und das Rätsel des mysteriösen Ortes ist gelöst, nicht wahr? Wenn in Gott einfach ALLES ist, dann kann auch alles aus ihm heraus entstehen – und genau das hat Jesus uns doch mitteilen wollen, oder?

Ich fürchte – Nein. Denn tatsächlich geht es hier nicht um ein quantitatives Mehr, ein Hinzufügen, Ergänzen, ein „horizontales“ Mehr, sondern um ein vertikales „Höher“. Wir sprechen hier nicht von einem quantitativen Mehr auf irgendeiner Ebene, wir sprechen hier über eine neue, eine höhere Ebene. Zellen beinhalten Moleküle, die ihrerseits Atome beinhalten. Die Ebene der Zelle ist kein quantitatives Mehr von Molekülen und Atomen, sondern ein vertikales Höher mit zusätzlichen Qualitäten. Jede höhere Ebene umarmt und bewahrt und schließt ihre niederen Vorläuferebenen ein - und fügt etwas Neues hinzu. Das "Zellhaftige" der Zelle ist nicht auf der Ebene der Moleküle zu finden; das "Molekülhaftige" der Moleküle ist nicht auf der Ebene der Atome zu finden. Und Jesus verwies einfach auf die höchste aller Ebenen, auf Gott. In Gott ist ALLES, aber Gott selbst ist nicht ALLES. Gott fügt allen niederen Ebenen, die ja zusammen ALLES ergeben, etwas hinzu. In der Zelle sind alle Moleküle, aber die Zelle selbst ist nicht alle Moleküle. Die Ebene der Zelle enthält zusätzliche Qualitäten, die niemals auf den niederen Ebenen der Moleküle und der Atome zu finden wären. Ebenso Gott: In Gott vereint sind Qualitäten, die in allen niederen Ebenen nicht enthalten sind. Deshalb kann Gott nicht einfach ALLES sein.

Die Traditionen sprechen daher von alters her von Gott oder der Gottheit oder vom Absoluten nicht in dualen Begriffen, sondern in „nicht-dualen“ Begriffen, was ein Widerspruch in sich selbst ist, denn jeder beschreibende oder hinweisende Begriff ist ein „dualer“ Begriff. Es spielt keine Rolle, welche Worte ich wähle und Gott zuschreibe, allein durch den Akt der Wahl sage ich automatisch mit, was Gott dann nicht ist. Selbst wenn ich sagte, Gott ist ALLES, sage ich automatisch, was Gott nicht ist: nämlich Nicht-Alles. Wenn er das Ganze ist, kann er nicht das Teil sein; wenn er alle Teile ist, kann er nicht das Ganze sein. Wenn er alle Ganze und alle Teile ist, ist er es im nächsten Augenblick schon nicht mehr, denn Teile und Ganzheiten verändern sich von Moment zu Moment - "alles fließt". Wenn er alle Veränderung ist, ist er "in der Zeit", was bedeutet, dass er nicht zeitlos sein kann. Wenn er unendlich ist, kann er nicht nicht-unendlich sein. Deshalb heißt es in den Traditionen: „Genau das, was Du über Gott sagen kannst, ist er gerade nicht.“ Wir haben es hier nicht nur mit einem sprachlichen Dilemma zu tun, weil wir versuchen, mit dualen Begriffen etwas zu beschreiben, was offensichtlich nicht-dual ist, wir haben es gewissermaßen mit einem „Standortproblem“ zu tun, denn von dort, wo wir stehen, können wir Gott nicht schauen, nicht begreifen, nicht in Worte fassen. Allerdings könnten wir versuchen, den Standort zu wechseln, doch dazu später mehr …

 

Die Traditionen verweisen nun auf das Höchste, indem sie sagen, Gott ist nicht dies und ist nicht das. Er ist „jenseits“ aller Dualität, er ist „nicht-zwei“, er ist höher, er vereinigt in sich alle Dualitäten und alle Qualitäten. Wir haben Worte für Dualitäten, etwa für "hell" und "dunkel" - aber wir haben kein Wort für die non-duale Vereinigung von hell und dunkel. Tatsächlich "existieren" das Helle und das Dunkle nicht unabhängig voneinander. Das eine gibt es nur mit dem anderen. Nichts ist wirklich getrennt, alle Dualitäten sind nicht wirklich getrennt, haben kein eigenes Sein unabhängig vom "Gegenpol". Wie aber wollen wir diese grundlegende Einheit benennen? Das ist nicht möglich. Also helfen wir uns, indem wir sagen, Gott ist das EINE, aus dem heraus die VIELEN entstehen, die zugleich nichts anderes als das EINE sind, nicht getrennt von Gott - es sei denn, wir mit unserem "beschränktem" Bewusstsein bilden uns genau dies ein. In der non-dualen Vereinigung aller Qualitäten auf der höchsten Ebene, die zugleich der Ur-Grund aller Ebenen ist, geschieht nun das Unfassbare, das eigentliche Mysterium - die Unbegreifbarkeit Gottes oder des EINEN GEISTES. Für uns nicht fassbar entsteht aus diesem non-dualen Mysterium alles, was wir fassen können. Gott oder die GOTTHEIT oder non-dualer GEIST ist der von Jesus angesprochene mysteriöse "Ort", "wo das Licht aus sich selbst heraus" entsteht. Wo alle Dualitäten "aus sich selbst heraus" entstehen. Deshalb ist Gott nicht einfach gut oder einfach böse, er ist die Essenz, aus der heraus beides entstehen kann, das Gute und das Böse. Gott ist der Ort, wo heraus die Dinge „aus sich selbst entstehen“ – aus non-dualem Sein entstehen alle Dualitäten. Aus Gott heraus entstehen Innen und Außen, Bewusstsein und Energie, Leere und Form.

 

Jesus sprach gar nicht von Gott als Vater, also irgendwie "menschen-ähnlich" oder als individuelle "Person" oder Wesenheit?

Gegenüber dem einfachen Volk in Galiläa und Judäa benutzte er diese Bilder, weil die Leute damit was anfangen konnten. Und das war gut so und voll beabsichtigt. Stell' Dir mal vor, er hätte statt von "Gott als Vater" von dem "non-dualen Urgrund allen Seins" erzählt - ich fürchte, dann hätte er bei seiner Bergpredigt ziemlich allein oben auf dem Hügel rumgestanden, nicht wahr? Doch Jesus wußte natürlich von den unterschiedlichen Formen oder Stufen, die alles Bewusstsein annehmen konnte. Er wußte, dass es nun einmal unterschiedliche Fähigkeiten des Verstehens, des Erkennens und Gewahrens gibt. Denn gegenüber seinen von ihm persönlich "ausgebildeten" Jüngern verwies er auf eine höhere Ebene des Erkennens und sprach von diesem mysteriösen nicht-dualen „Gott“. Dem Volk war er der heilbringende Messias, den Jüngern war er der hinweisende Mystiker, der, der zu höchster Sicht, zu höchster Erkenntnis gelangt war. Heute würden wir sagen, Jesus war „erleuchtet“, weil er diese höchste Quelle in sich selbst erfahren hatte. In Spruch 62 wird er sehr deutlich: „Ich sage meine Geheimnisse denen, die sie zu vernehmen würdig sind.“ Ob er heute das Internet nutzen würde? Ich denke, eher nicht. Und in Spruch 106 spricht er dann dieses Geheimnis offen und klar aus. Hören wir ihm zu:

 

„Wenn ihr die Zwei eins macht, werdet ihr Söhne des Menschen werden,

und wenn ihr sagt: Berg, hebe dich weg! wird er sich hinwegheben.“

 

Kommt Dir das nicht bekannt vor? Wenn ihr alles Duale „eins“ macht, werdet ihr Berge versetzen können – ziemlich eindeutig, oder?

 

Ich fasse es nicht.

Oh, es wird noch besser. Auf die Frage seiner Jünger, was sie denn tun müssten, um „ins Königreich“ einzugehen, antwortete Jesus (Spruch 22):

 

„Wenn ihr die Zwei zu Eins macht, wenn ihr das Innere wie das Äußere macht

 und das Äußere wie das Innere, und das Obere wie das Untere,

und wenn ihr das Männliche und das Weibliche zu einem Einzigen macht,

so dass das Männliche nicht mehr männlich, das Weibliche nicht mehr weiblich ist,

werdet ihr in das Reich eingehen.“

 

Das ist, in knackiger Kurzform, die Beschreibung des Non-Dualen. Das ist, was Dein Bewusstsein tatsächlich erfahren kann. Und zu Deiner „Fassungslosigkeit“ äußerte er sich übrigens auch, denn „es nicht fassen zu können“ ist genau das, was einem passiert, wenn man den Weg des Mystikers bis ganz nach oben gegangen ist. Höre Spruch 2: „Wer sucht, höre nicht auf, zu suchen, bis er findet. Und wenn er findet, wird er verwirrt werden, und wenn er verwirrt ist, wird er sich wundern, und er wird herrschen über das All.“

 

Ich bin verwirrt, aber gefunden habe ich noch nicht.

Das erwartet ja auch niemand. Aber wenn diese Worte und diese Zusammenhänge etwas in Dir bewegt haben sollten, dann solltest Du Dich auf den Weg machen. Gehe den mystischen Weg. Folge denen, die ihn bereits gegangen sind. Gehe nach innen, immer tiefer und immer höher, vereinige alle Dualitäten, alle Formen, alle Energien mit Deinem Bewusstsein, so, „dass ihr das Innere wie das Äußere macht“, und dann, ja dann, so Jesus, „wird sich der Berg hinwegheben und du wirst herrschen über das All.“

 

Hmmh …

Im Kontext von Heilungen bedeuten diese mystischen Wahrheiten schlicht und einfach, dass Du Dein eigenes Bewusstsein so weit verändern musst, dass Energie frei „fließen“ kann – ohne blockierende seelische, mentale oder emotionale Grenzen. Aber es handelt sich dabei nicht um eine "horizontale" Veränderung, sondern um eine vertikale. Nicht noch mehr Bücher lesen, nicht noch mehr Länder bereisen, nicht noch mehr Projekte anfassen - alles horizontale Ergänzungen -, sondern sich bewusst werden darüber, wer da liest, wer da reist, wer da Projekte bearbeitet. Und wenn Du dann Dein wahres Selbst entdeckt hast, dann mache "aus Zwei Eins" - löse auch noch dieses Selbst auf. 

Irgendwann auf dieser inneren Reise kommst Du dann an einen Punkt, wo Du innerlich ohne jeden Zweifel aussprechen kannst, was Du bisher nie konntest: „Berg, hebe dich hinweg!“ Das Blöde ist nur, dass man in diesem mystischen Bewusstseinszustand nicht sprechen kann, denn wenn es Dir gelingt, aus Bewusstsein und Energie „nicht-zwei“ zu machen, dann fehlen Dir die Worte. Mir jedenfalls fehlen die Worte. Dann bist Du nur noch ein ICH BIN, und ICH BIN spricht nicht, ICH BIN ist einfach nur …

 

Wenn man in diesem mystischen Zustand nicht sprechen kann, wie Du sagst, was sollte man dann machen? Flüstern? Schweigen?

Wie wäre es mit „fühlen“? Mit "innerem Flüstern"? Bewusstsein ist ja doch viel mehr ein "Gefühl-Bewusstsein" als ein "Denk-Bewusstsein". Wie und wo entstehen die Sätze, die wir laut und hörbar aussprechen? Musst Du Dir erst jeden Satz vorher aufbauen, dann erinnern und rauslassen - oder geschieht äußeres Sprechen nicht völlig mühelos, einfach so, fast von selbst fließend, von innen nach außen? Das innere Gespräch, das innere Wort auf diesen höchsten Ebenen ist ein solches müheloses, fließendes Gefühl - ohne Worte, und doch gefüllt mit heilender Information, mit glasklarer Gewissheit.  

Für die höchsten Ebenen braucht es ein sehr entwickeltes Gefühl, eine Fähigkeit, minimalste Strömungen wahrzunehmen. Nicht den eigenen Körper fühlen, nicht die eigenen Gedanken fühlen, nicht die Seele – sondern non-dualen GEIST selbst. Höchste, feinste, kausale Energie - nicht den warmen Körper. Es ist nur so, dass Du, wenn Du gerade kurz davor bist, Dich selbst als nondualen Gott zu fühlen, total „verwirrt“ bist. Es erschreckt Dich, geht Dir in alle Knochen. Und wenn Du diesen Kontakt hast, dann weißt Du, dass Du dieser nonduale Gott bist. Da berühren sich nicht zwei Wesenheiten, da wird aus Dir eine non-duale Wesenheit, was natürlich unmöglich ist, aber wie soll ich es besser beschreiben.

Du löst Dich auf – aus Deiner eigenen Zweiheit wird Eins. Du stirbst – und lebst zugleich. Du kannst nicht mehr sprechen, nicht mehr „normal“ fühlen – „es“ spricht durch Dich, „es“ fühlt durch Dich. DU BIST DAS. Oh, ist das so schwer zu verstehen?

 

Es ist verdammt schwer.

Sorry, Du hast natürlich Recht. Ich habe mich fortreißen lassen von meiner eigenen Begeisterung, entschuldige bitte. Wie kann ich Dich nötigen, mit mir über eine Sicht, über eine Ebene, über den EINEN GESCHMACK zu reden, wenn Du doch noch gar nicht in die Nähe dieses Geschmacks gekommen bist? Du siehst, das Ego ist immer vorhanden, es lässt mich unverzeihliche Dinge machen …

 

Was ich glaube verstanden zu haben, ist, dass es einen Weg gibt, um „Gott zu schauen“, wie es ja auch in der Bibel steht, aber dass es wohl unmöglich ist, alles zu schauen, was an oder in diesem Ort ist. Stimmt das?

Ja und Nein. Denn „schauen“ trifft es nicht wirklich. Hier hätten wir ja wieder die Dualität zwischen schauendem Subjekt und beschautem Objekt. Es geht nicht um „schauen“, es geht um „werden“. Du schaust nicht Gott oder GEIST, Du verschmilzt in non-dualem Sein mit GEIST. DU BIST DAS. Du löst Dich auf – in der tiefen Meditation löst Du Dich auf – und das jagt, jedenfalls mir, einen ungeheuren Schrecken in jede Zelle meines Seins. Ich bekomme Angst, ich falle aus der "Höhe", aus der Meditation heraus, ich erschrecke, wie die Buddhisten sagen, vor dem "klaren Licht", obwohl mich alles genau zu diesem einen Ort zieht. Du willst da hin, und zugleich fürchtest Du Dich davor …

 

Hört sich irgendwie nicht so an, als ob man es jetzt unbedingt selbst versuchen sollte …

Ist mir klar. Und doch wirst Du es immer wieder versuchen, bist Du erst einmal in die Nähe dieser Quelle gekommen. An anderer Stelle sprach ich über „Subjektpermanenz“ oder die Fähigkeit, sowohl im Wachzustand als auch im Traum- und im Tiefschlafzustand konstant bei Bewusstsein zu sein, Du erinnerst Dich?

 

Ja, du meinst das bezeugende ICH-Ich, den ZEUGEN.

Genau. Nun ist es so, dass Du diesen Zeugen in Dir durch konsequente Übung entwickeln, stärken und „trainieren“ kannst. Das haben alle wahren Mystiker hinter sich. Immer wieder üben, meditieren, in den Zeugen gehen, stabilisieren usw. Und irgendwann, nach langen Jahren intensiver Übung, ist es dann soweit: Du bleibst permanent dieses bezeugende Subjekt. Selbst im Tiefschlaf. Dieser Zustand ist jedoch in keinster Weise beängstigend, Du fürchtest Dich gerade nicht. Im Gegenteil: Du spürst ein immerwährendes Lächeln, Du bezeugst das „Nichts“, die Leere, denn hier existieren keine getrennten Objekte mehr. Subjekt ja, getrennte Objekte nein. Die Leere ist daher nicht "leer", sondern im Gegenteil, sie platzt aus allen Nähten, sie ist nicht eine unendlich große Anzahl getrennter Objekte, sie ist die Vereinigung aller Objekte, sie ist, wenn Du so willst, ein einziges riesengroßes Objekt, ohne Grenzen zwischen den "Dingen". Wenn Du "alles" siehst, siehst Du nichts Bestimmtes, nicht wahr? Dieser Zustand ist beinahe schon „non-dual“, nicht-zwei, denn es existiert jetzt nur noch Subjekt, nur noch Du als weites, reines Bewusstsein. Du bist exakt dieses Bewusstsein, das ist die einzige Erfahrung, die Du hier hast - weil keine getrennten Objekte mehr existieren, die Deine Aufmerksamkeit anziehen könnten. Du bist ganz und gar bei Dir selbst. Das Messer versucht, sich selbst zu schneiden, der Spiegel versucht, sich selbst anzublicken ... 

 

Die Angst entsteht, wenn Du in diesem Zustand beginnst, auch noch dieses letzte bezeugende Subjekt „aufzulösen“, loszulassen. Denn tatsächlich ist dieser Zustand nur beinahe „non-dual“, nur beinahe GEIST selbst, Du bist ganz nahe dran, aber Du selbst bist noch nicht nondualer GEIST. Diese letzte Schranke ist zugleich die erste Emanation des kreativen GEISTES, wenn er die Welt und alle Formen erschafft – auf dem „absteigenden“ Pfad der Involution. Du bist nicht Gott, Du bist hier seine erste Emanation. Und die Auflösung, die Transzendenz, das Loslassen, die Ent-Identifizierung von dieser Ebene würde bedeuten, dass Du Dich wirklich in Gott und als Gott „auflöst“. Und das macht mir einfach unglaublich viel Angst, allerdings immer nur in der täglichen Meditation, nicht in der Nacht, weil sich dort das konstante Bewusstsein während des Traumzustands und dann während des Tiefschlafs von ganz alleine einstellt, seltsam mühelos, einfach so …

 

Möchtest Du es tagsüber trotzdem versuchen?

Um nichts in der Welt möchte ich darauf verzichten. Ob ich es schaffe, keine Ahnung. In der Nacht hatte ich schon diese mystische Erfahrung des "Eins-Seins", des Aufgehens,  der letzten Transzendenz. Tagsüber noch nicht. Ob Jesus tagsüber "dort" war, keine Ahnung. Vermutlich war er es, vermutlich hatte er diese letzte Schranke relativ dauerhaft und stabil überwunden. Ich lebe ja auch ein „normales“ Leben. Ich zwacke mir so viel Zeit für den mystischen Weg ab, wie mir möglich ist. Ich schaffe es nicht, 40 Tage am Stück zu meditieren. Ich scheue die Wüste. Ich bin also nur bedingt stabil auf den höheren Ebenen. Jesus war es wohl permanent. Von Gott berührt, durchdrungen, erleuchtet und als Mensch strahlend, wirkend, heilend, in ununterbrochenem Kontakt mit dem schaffenden GEIST. Dass er gelegentlich auch „Mensch“ war, ist sehr motivierend. Der Mystiker aus Nazareth war eben auch „Fresser und Säufer, einer, der sich mit Huren und Zöllnern“ abgab – herrlich, nicht wahr? Genau dieses unverfängliche In-der-Welt-Sein stellt sich ja bei höherer Entwicklung ein. Das Ego lehnt vielleicht die Hure ab, will mit fressen, saufen und rauchen nichts mehr zu tun haben, will nicht mit Zöllnern, Obdachlosen, Ferrari-Fahrern und Schwulen gesehen werden und nichts mit „der blöden Kuh von nebenan“ zu tun haben – der Mystiker begegnet der Welt der Formen mit einem Lächeln, mit Neugier und Freude, mit einer Umarmung statt mit Ausgrenzung. Mit LIEBE, nicht mit Liebe …

 

Sag’ mal, Carsten, wenn ich Dir so zuhöre, Deine Texte lese und so weiter, dann komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass es Dir eigentlich nicht so sehr um körperliche Heilung, also um Gesundheit im „klassischen“ Sinne, geht, sondern vielmehr um einen mystischen Weg, um das Heil der Seele, des Geistes, um Befreiung oder Erleuchtung. Sehe ich das richtig?

Mir geht es um den ganzen Menschen, nicht nur um den Körper. Ich werde alles in meiner bescheidenen Macht Stehende tun, um Menschen zu helfen, ihren Körper wieder gesunden zu lassen. Aber noch mehr kämpfe ich darum, auch die höheren Ebenen der Gefühle, des Geistes und der Seele „heil“ werden zu lassen. Das geht nicht mit Handauflegen, nicht mit Aspirin, Bachblüten oder Bio-Kost.

 

Vor allem aber geht es mir um die Aktivierung der heilenden Kräfte, die in jedem Menschen schlummern – und erweckt werden müssen. Der Weg des Mystikers ist ein Heilsweg, oh ja. Ein Weg der Freude, der Leichtigkeit, ein erlösender Weg. Er befreit Dich nicht von allen Krankheiten – wie auch jeder Arzt, jede Medizin, auch jede zukünftige Medizin – Dich niemals von allen Krankheiten wird befreien können. Aber er befreit Dich vom Leiden. Die Medizin des Mystikers ist stärker als jede Spritze, ist heilender als jedes Vitamin. Aber Du musst Dich auf den Weg machen, gehen musst Du allein.

 

Die Menschen erzeugen ihr Leid zum großen Teil selbst. Das bedeutet nicht, dass sie – wie die New-Ager und träumenden Esoteriker irrtümlich verkünden – alle Krankheiten oder, schlimmer noch, alle Ereignisse selbst erzeugen. Wenn Dir auf der Ski-Piste einer in die Beine fährt, dann nicht, weil Du durch „falsches“ Denken dieses Ereignis selbst erzeugt hast. Oh, was ein Schwachsinn. Und natürlich bricht Dir dann ein Bein, Du wimmerst und Du leidest. Das Ereignis kannst Du – trotz aller Sorgfalt - nicht verhindern (außer, Du verlässt Deine Wohnung nie mehr, viel Vergnügen), den Beinbruch kannst Du nicht verhindern, aber Dein Leiden an dieser Lage kannst Du verhindern.

 

Die Menschen wollen das Gute – und vergessen, dass es das Gute nicht ohne das Böse gibt. Sie wollen Gesundheit – und vergessen, dass es Gesundheit nicht ohne Krankheit gibt. In einer dualen Welt erscheint das eine immer mit dem anderen. Innen und Außen, Punkt. Statt sich nun mit esoterischen Halbwahrheiten vollgestopft nur auf die eine Seite der Medaille zu konzentrieren – und die andere zu meiden -, sagt Dir der Mystiker, das genau diese einäugige Sicht Deine Leiden erst erzeugt. Höre sehr genau hin, mein Freund: Dein Vermeiden-Wollen des Bösen erzeugt das Böse in Dir. Nicht das Böse in der Welt, sondern in Dir. Der Balken und der Splitter. Dein Vermeiden-Wollen der Krankheit erzeugt die Krankheit. Deine guten "Bestellungen beim Universum" erzeugen Dein Leiden. Warum ist das so? Weil Du bei all diesem Vermeiden-Wollen, bei all diesem Ausweichen, Nicht-Wahrhaben-Wollen, bei all diesen Bestellungen und Wünschen, immer und unaufhörlich aus irgendeiner Ego-Ebene heraus handelst, denkst und fühlst. Wer wünscht, gesund zu sein? Das Ego. Wer bestellt beim Universum? Das glücksuchende Ich. Wer vermeidet "schlechte" Ernährung, "böse" Gedanken, "krankmachende" Energien? Du. Und genau dieses Du ist die Wurzel allen Leidens, aller Anhaftung am Ego. Mit jeder Bestellung beim Universum verhinderst Du Deine Transzendenz, meidest Du den mystischen Weg, die innere Himmelfahrt. Es ist eigentlich so einfach, liegt so nahe vor deiner Nasenspitze, dass ich mich wundere, wie man dauernd dran vorbei laufen kann ...  

 

All das erkenne ich auf dem mystischen Weg. All das umarme ich, bezeuge ich, schließe ich in mein Dasein ein – nicht aus. Ich werde mich bemühen, nach meinen Maßstäben gesund zu leben, oh ja, aber ich werde nicht aus allen Wolken fallen, wenn ich krank werde. Ich begreife selbst meine schlimmste Krankheit als Aufgabe für meinen geistigen Weg, für meine mystische Selbsterkenntnis. Und nun verrate ich Dir das Geheimnis wahrer „Gesundheit“: Wenn Du, von Schläuchen und Wundpflastern und Kanülen und Medikamenten gespickt im Krankenhaus liegst, wenn Ärzte und Pfleger mit verzweifelter Miene an Deinem Bett stehen, bemüht, Dein Leben zu retten, und Du selbst liegst da, leise lächelnd, das alles lächelnd bezeugend, nicht als kleines Ich, sondern als großes ICH-Ich, wenn Du also lernst, mit dieser ganzen Scheiße gelassen zu SEIN – dann bist Du geheilt. Dann bist Du Gott nahe, dann bist Du von einem Licht erfüllt, dass nur Du im Innen fühlen kannst, aber alle Anwesenden in Deinen Augen, in Deiner Haltung ablesen und erkennen können.

 

Und ich sage Dir: Sie alle werden verwirrt sein, werden es nicht fassen können, wie da einer schwerkrank im Bett liegt, vom Retro-Virus zerfressen, vom Krebs ermattet, ans Kreuz genagelt, den eigenen Tod vor Augen, die letzte Transzendenz fühlend – und innerlich lächelt. Geheilt. Erwacht. Erleuchtet. Bei Gott. Im hier und jetzt. Einfach so. ICH BIN …

 

Danke, Carsten.

 

* * * * *

 

(zurück zum Anfang ...)