CARSTEN RACHOW GEISTiges Heilen

... über Gesundheit, Heilung und Selbstheilung

(Interview mit meinem Selbst.

Über Fragen, die mir gestellt wurden und die ich mir selbst stellte.

Mit Antworten, die ich selbst und die Fragenden als hilfreich empfanden.

Stand: Februar 2010, Carsten Rachow, Frankfurt am Main)

 

Was verstehst Du eigentlich unter dem Begriff „Gesundheit“?

Ich denke sofort an zwei Zustände oder zwei Voraussetzungen, die möglichst erfüllt sein müssen, damit wir so etwas wie Gesundheit feststellen können:

1.    Ich denke an vertikale Harmonie, weil jeder Mensch in sich und auf seine eigene Weise die Abfolge Körper, personaler und mentaler Geist, transpersonale und transmentale Seele sowie spiritueller GEIST verkörpert. Als gesunder Mensch hat man mehr oder weniger Kontakt zu allen Ebenen, man weiß um die Bedürfnisse aller Ebenen, und man lebt, ohne eine Ebene zu Lasten einer anderen dauerhaft zu unterdrücken.

2.    Ich denke an horizontale Harmonie, also die Ordnung oder Unordnung innerhalb jeder Ebene. Der Körper kennt eine Fülle von Bedürfnissen, und wenn man einen Teil davon dauerhaft verweigert, dann besteht auf dieser Ebene so etwas wie Unordnung, fehlende Ganzheit, es herrscht Unterdrückung und Abspaltung. Oder auf der Ebene des Geistes: Ich kann für meinen Körper relativ viel Gutes tun, also Sex, Berührung, Ernährung, Sport, Yoga und dergleichen, komme aber mental mit einigen Themen überhaupt nicht klar. Ich vermeide es, über diese Themen zu reden, sie zwicken mich, fühlen sich unangenehm an. Ich verdränge, tabuisiere, will hier nicht bewusster werden. Die Folge ist mentale Unordnung – und ab einer bestimmten Intensität wirkt sich diese Disharmonie auf der Ebene des Geistes auch auf die niedere Ebene des Körpers aus. 

 

Das würde ja bedeuten, dass man bei einer Erkrankung nicht nur den Körper behandeln sollte, sondern auch alle höheren Ebenen des Seins?

Exakt. Ganz generell käme es zunächst darauf an, zu ermitteln, von welcher Ebene diese Krankheit eigentlich ausgeht, wo gewissermaßen ihr Schwerpunkt liegt. Geht sie von der physischen, der emotionalen, der mentalen oder gar der spirituellen Ebene aus? Und dann liegt es auf der Hand, dass man „ebenengleiche“ Behandlungen benutzen sollte: also körperliche Maßnahmen bei körperlicher Erkrankung, emotionale Verfahren bei emotionalen Störungen, spirituelle Wege bei spirituellen Krisen und so weiter. Liegt, was häufig der Fall ist, eine Mehr-Ebenen-Erkrankung vor, eine Mixtur gewissermaßen, dann ist auch eine Mixtur aus ebenengleichen Behandlungen angebracht.

 

Diese Sicht auf Krankheit oder Gesundheit setzt also zwingend die Kenntnis dieser Ebenen voraus – und sicherlich auch die Kenntnis dessen, was auf jeder Ebene schief gehen kann?

Nun ja, zumindest sollte man eine gewisse Vorstellung davon haben, das würde schon helfen. Der Punkt ist einfach, dass man dann als Heiler – aber auch als Patient – die Krankheit nicht irrtümlicherweise einer Ebene zuordnet, wo sie nicht hingehört. Ordnet man z. Bsp. eine körperliche Krankheit der höheren mentalen Ebene zu, erzeugt man automatisch Schuldgefühle; glaubt man, eine mentale Krankheit auf der körperlichen Ebene verorten zu müssen, erzeugt man Verzweiflung – denn auf dieser Ebene wird man sie nicht wirklich heilen können. Und dies scheint mir der Hauptgrund dafür zu sein, dass Menschen in vielen Fällen von der klassischen Schulmedizin, die vorrangig auf der Ebene des Körpers interveniert, nicht geheilt werden können - oder nach 6 Monaten vorübergehender Linderung mit dem nächsten körperlichen Symptom schon wieder im Wartezimmer sitzen. Ich bin kein Gegner der Schulmedizin, im Gegenteil, unsere Ärzte leisten hervorragende Arbeit, aber ich finde, man sollte berücksichtigen, auf welcher Ebene ihre Kompetenz wirkt und auf welcher nicht.  

 

Wie sollte Deiner Meinung nach ein Heiler vorgehen?

Nun, „von unten nach oben“ – und immer im Rahmen dessen, was ihm gesetzlich erlaubt ist und wofür er kompetent ist. Wenn jemand mit einem Muskelriss oder einer schweren Bänderdehnung kommt, kann der Heiler natürlich die Hand auflegen, Energie aktivieren und für innere Ruhe sorgen – alles sehr nützlich für den Heilungsprozess. Er kann auch Visualisierungen vorschlagen, Meditationen und Entspannungstechniken. Aber in aller Regel völlig ausreichend wäre es, den Klienten zu seinem Hausarzt zu schicken, damit dort der Körper „klassisch“ behandelt werden kann, also etwa mit stützenden Verbänden und wärmenden Salben. Das reicht – den Rest macht der Körper ganz allein, auch ohne zusätzliche Energie oder innere Visualisierungen.

Von unten nach oben bedeutet, dass man zuerst nach körperlichen Ursachen Ausschau hält und die bereinigt oder bereinigen lässt, dann schaut man nach möglichen emotionalen Ursachen, dann nach mentalen und so weiter. Und ein Heiler sollte wenigstens erahnen können, wo der vermutliche Schwerpunkt der Erkrankung liegt. Wenn er kompetent ist, kann er dann intervenieren und blockierte emotionale Energie lockern oder im hinweisenden Dialog mentale Verirrungen wieder einrenken helfen. Wenn er sich hier nicht kompetent fühlt, sollte er auf geschulte Ärzte, Therapeuten oder andere Heiler verweisen - und einfach nur energetisch behandeln, also Energie geben, nehmen und/oder regulieren.

 

Darf ein nicht ärztlich ausgebildeter, nicht als Heilpraktiker zugelassener Heiler überhaupt derartige Interventionen durchführen?

Selbstverständlich. Im Rahmen des gesetzlich Erlaubten. Ein Heiler darf keine Therapie durchführen, sehr wohl aber eine Selbsterfahrung oder ein Gespräch begleiten. Eine Therapie behandelt eine bestimmte Krankheit, eine bestimmte Verletzung. Eine Selbsterfahrung, eine geführte Reise ins Innere, ein spiritueller Dialog dagegen betrifft den ganzen Menschen. Ein Heiler therapiert keine Krankheit, er kümmert sich um den Menschen. Er darf keine Diagnose stellen – egal, auf welcher Ebene -, aber er darf durch Fragen und Hinweise den Patienten sich selbst „diagnostizieren“ lassen, also sich selbst umfassender erkennen lassen. Das ist nichts Besonderes, wenn man es denn versteht. Jedes einfühlsame Gespräch zwischen Menschen leistet ähnliches, nur meistens ohne einen „heilenden“, sprich: selbsterkennenden Kontext. Jeder Selbstheilungsprozess sollte genau das leisten: Selbsterkenntnis. Niemand kann mir verbieten, den Hunger meines Körpers besser zu erkennen, den Hunger meiner Gefühle, die Verkrustungen meines Geistes. Ich bin jederzeit frei, all das selbst zu erkennen. Aber die Erfahrung sagt, dass die meisten auf diesem Weg etwas Begleitung, etwas Anregung, etwas Orientierung brauchen. Und das kann jeder kompetente Heiler sehr gut leisten, wie ich meine.

 

Was kann denn passieren, wenn ein Heiler nicht ausreichend kompetent ist, also etwa keine klare Vorstellung von den verschiedenen Ebenen hat? Kann da überhaupt etwas passieren?

Da kann sehr viel passieren, also schief gehen. Ohne ausreichende Ebenen-Kompetenz kann ein Heiler, verkürzt gesagt, entweder zu viel des Guten oder zu wenig unternehmen. Er täte zu wenig, wenn er nach Wochen der Energie-Behandlung, die schwerpunktmäßig auf der Körper-Ebene wirkt, immer noch keine Genesung feststellen könnte und auf Probleme der höheren Ebenen nicht einginge, was auch beinhalten würde, den Klienten nicht auf einen hier kompetenten Arzt oder Therapeuten aufmerksam zu machen. Die Folge wäre, wie oben schon skizziert, ein verzweifelter Klient. Dieser Fall tritt meines Erachtens auch deshalb ein, weil viele Heiler irrtümlich glauben, mit der Übertragung von Energie, etwa durch Handauflegen, würden sie auch auf geheimnisvolle und in ausreichender Weise auf die höheren Ebenen einwirken, also irgendwie gleich emotionale, mentale und seelische Belastungen mit ins Visier nehmen. Diese Annahme scheint mir für leichtere innere Anspannungen zutreffend zu sein, aber tiefer sitzende Angstgefühle oder unbewusste Projektionen kriegst Du durch Handauflegen nicht weg. Und Gott kommt auch nicht …

Der Heiler täte zu viel, wenn er ohne Auftrag des Klienten in dessen Gefühls- und Seelenleben herumwandern würde, in „wissender“ Manier eigene Deutungen von angeblichen „inneren Verursachern“ verkünden und ein bestimmtes „Umdenken“ oder „Umfühlen“ anmahnen würde - statt einfach auf der körperlichen Ebene zu bleiben. Hier würde er unnötige Schuldgefühle erzeugen. Und beide Folgen, ein verzweifelter oder ein „schuldiger“ Klient, sollten niemals das Resultat einer Heilbehandlung sein. Das sollte einfach nicht passieren, und jeder Heiler sollte alles ihm Mögliche tun, um diese Fälle zu vermeiden. Meiner Meinung nach benötigt er hierzu ein Mindestmaß an Ebenen-Kompetenz.

 

Welche Fehler können Heiler noch machen, selbst wenn sie über hinreichende Ebenen-Kompetenz verfügen würden?

Nicht „von unten nach oben“ vorzugehen, wie ich eingangs sagte, sondern gleich mit einer Ebenen-Mixtur zu beginnen. Auch hier – bei einer durchaus kompetent und erfolgreich durchgeführten Behandlung - läge ein Fall von „zu viel des Guten“ vor, allerdings ein unerkannter Fall, da der Erfolg der Behandlung den Blick auf das „zu viel des Guten“ vermutlich verhindern würde.

Nehmen wir an, es kommt ein Klient mit einer schmerzhaften Gelenkentzündung und der Diagnose „Weichteil-Rheumatismus“, und nehmen wir weiter an, der kompetente Heiler glaubt schon zu Beginn der Behandlung aus verschiedenen Bemerkungen des Erkrankten schließen zu dürfen, dass die Gefühls- und Geisteswelt hier etwas in Unordnung sei. Vielleicht hat er Thorwald Dethlefsens „Krankheit als Weg“ gelesen und deutet die Gelenkschmerzen nun als Folge einer „inneren Erstarrung“, einer inneren Unbeweglichkeit, die sich symptomatisch in der zunehmenden Unbeweglichkeit des Gelenks im Körper äußere. Dann kann er zu dem Ergebnis kommen, zusätzlich zur körperlichen Ebene auch auf der emotionalen, mentalen und vielleicht auch spirituellen Ebene etwas tun zu müssen. Er schlägt dem Klienten genau diesen Weg vor, klärt ihn auf, holt seine Zustimmung ein – und weil er diesen Weg an der Seite des Klienten tatsächlich kompetent beschreitet, schafft er tatsächlich ein Klima, in dem die Heilung leichter geschehen kann. Er behandelt also energetisch auf der Körperebene, anschließend begleitet er den Klienten angemessen auf den höheren Ebenen. Der Gelenkschmerz lässt nach, die Beweglichkeit nimmt zu, nach mehreren Sitzungen ist das Symptom verschwunden. Wunderbar. „Wer heilt, hat Recht.“ Okay, aber es gibt bessere und schlechtere Wege zur Heilung, nicht wahr?

Denn nun kommt der Fehler, der nicht passieren darf, aber vermutlich passiert, weil gleich mit einer Mehr-Ebenen-Behandlung begonnen wurde, ohne sich „von unten nach oben“ zu bewegen: Aus dem Umstand, dass diesem Menschen offenbar einige emotionale, mentale und seelische Aspekte fehlten, darf der Heiler nicht schließen, dass er nur deshalb ein entzündetes Gelenk bekommen hätte. Selbst wenn eine vollständige Heilung des Gelenks eingetreten ist, heißt das nicht, dass er krank wurde, weil ihm das auf den höheren Ebenen Hinzugefügte früher gefehlt hat. Das wäre, als ob man aus der Wirksamkeit von Aspirin gegen Kopfschmerzen folgerte, dass Kopfschmerzen durch Aspirinmangel entstehen. Absurd.

Das unerkannte „zu viel des Guten“ ginge aber vermutlich noch weiter: Aus der Tatsache, dass auf den höheren Ebenen etwas fehlte und nun hinzugefügt wurde, darf der Heiler auch nicht schließen, dass der Betreffende nur deshalb gesundete. Das wäre, als ob man aus der Wirksamkeit von Aspirin gegen Kopfschmerzen folgerte, dass Kopfschmerzen nur durch Aspirin geheilt werden könnten.

 

Im vorliegenden Fall könnte nämlich beides, sowohl die Erkrankung als auch die Genesung, ihren Ort und ihre Ursache einzig oder hauptsächlich auf der körperlichen Ebene haben, etwa durch permanente Überanstrengung oder einseitige Belastung bei der täglichen Arbeit. Für den schmerzenden „Tennisarm“ des begeisterten Hobbyspielers – auch eine Form von Weichteil-Rheumatismus – reicht dann eine energetische Behandlung, eine neue Griffhaltung und ausreichend Ruhe. Fertig. Dazu bräuchte es keine emotionale, mentale oder gar spirituelle Begleitung.

 

Du meinst also, hätte der Heiler zunächst nur „unten“, auf der Körper-Ebene, behandelt, hätte er sich und dem Klienten den Rest ersparen können?

Hier ist es ja gut ausgegangen, die Heilung ist ja eingetreten. Aber vermutlich hätte der Klient einiges an Geld eingespart, gewiss. Hätte der Heiler zunächst nur energetisch behandelt und die Genesung nur auf der Körper-Ebene angestrebt, wäre ihm genau dies vermutlich auch gelungen. Dadurch, dass er sofort mit einer Mixtur begonnen hat, verbaute er sich diese Möglichkeit. Und er könnte der Fehleinschätzung verfallen, nur die höheren Ebenen hätten Erkrankung und/oder Gesundung ausgelöst – eine Fehleinschätzung, die ihm vielleicht einen klareren Blick auf zukünftige Fälle nicht erleichtern würde.

 

Könnte dieser Mehr-Ebenen-Blick auch für die Patienten, die Erkrankten, hilfreich sein? Was kann ein Hilfesuchender mit etwas mehr eigener Ebenen-Kompetenz anfangen?

Auch Patienten sollten hier kompetenter werden. Beide Heilungssünden, das Zuviel und das Zuwenig, begehen die Patienten natürlich auch: Da gibt es diejenigen, die permanent an ihrem Körper rumfummeln oder rumfummeln lassen, sich aber beharrlich weigern, die Unordnungen und Spaltungen ihrer Gefühls- oder Geisteswelt anzuschauen. Reine Körperorientierung. Man erkennt sie daran, dass sie bei jeder neuen Nachricht ihre Ernährung umstellen, Unsummen für Fitness und Wellness ausgeben und bei allen körperorientierten Methoden exzellent mitreden können. Für diese Leute kommt Krankheit meistens „von außen“, hat also mit ihnen als agierendem Subjekt innerhalb des eigenen Körpers grundsätzlich wenig zu tun – weshalb man ihrer Meinung nach genau da, in dieses Subjekt, auch nicht hineinzuschauen braucht.

Und es gibt diejenigen, die bei jedem kleinen Schnupfen, bei jedem Hautjucken und jeder Verspannung das Schlimmste befürchten und anfangen, ihre Gedanken und Gefühle auf „Richtigkeit“ zu überprüfen. Dieser Typ kauft sich meistens jede Woche so einen esoterischen New-Age-Ratgeber der Sorte „Denke richtig, fühle gut“ für 14,99 Euro und fühlt sich permanent „schuldig“. Für diese Leute kommt Krankheit meistens „von innen“, hat also ursächlich und monokausal mit dem eigenen Selbst zu tun, weshalb man ihrer Meinung nach genau dort, in dieses Subjekt, immer wieder hineinschauen muss.

 

Beide Gruppen blicken zu viel auf nur eine Ebene und tun zu wenig auf den jeweils anderen Ebenen. Man muss nicht jedem Nahrungstrend folgen, man könnte auch mal auf die Idee kommen, dem eigenen Körper zu vertrauen – und ganz bewusst die köstliche Vielfalt von Gottes Garten genießen. Eine Erkältung muss nicht als „Krankheit“ oder gar „Ich-Schwäche“ gedeutet werden, sondern kann auch als Zeichen einsetzender Selbstheilung durch eigene Stärke wahrgenommen werden: „Ich habe mir einen Virus eingefangen, Mist, aber ich spüre schon, wie mein Körper mit der Heilung begonnen hat. In 3 Tagen bin ich wieder fit.“ Also: Etwas mehr Ebenen-Kompetenz, und wir könnten so manches Zuviel und so manches Zuwenig vermeiden.

 

Wenn es mehrere Ebenen gibt, dann gibt es auch mehrere Krankheiten, das ist mir klar. Aber wie kann dieses Wissen für Heilungen oder gar für Selbstheilungen genutzt werden?

Nun, grundsätzlich formuliert, in zweierlei Hinsicht, nämlich in horizontaler und in vertikaler. Die schlichte Kenntnis der verschiedenen Ebenen hilft mir bereits, mich mit ihnen etwas intensiver zu beschäftigen. Da jeder Mensch sich selbst am besten kennt, spürt auch jeder Mensch bei dieser Beschäftigung, mit welcher Ebene er sich vielleicht ein wenig mehr befassen sollte. Dies ist ein, wenn auch kleiner, Akt der horizontalen Selbstbefreiung. Man wird sich einer Ebene in einem selbst bewusster als zuvor und schaut auf dieser Ebene nach, was da so los sein könnte. Ich beginne vielleicht, meinem Körper mehr zuzutrauen als zuvor – und verzichte mal auf eine sonstige Maßnahme. Ich beginne, mich mehr um die Bedürfnisse meines Körpers zu kümmern, einfach deswegen, weil mir plötzlich bewusst wird, dass ich es bin, der diese Ebene in mir spüren kann. Mir wird klar, verleugne ich Bedürfnisse meines Körpers, verleugne ich mich selbst. Und so weiter. Danach nehme ich mir vielleicht meinen Geist vor, beginne also, über mein Denken nachzudenken. Manches wird parallel ablaufen, aber in jedem Falle wird mir jede einzelne Ebene bewusster als zuvor.

 

Die andere Veränderung, die nun in mir einsetzen kann, ist vertikaler Natur und betrifft meine Bereitschaft, mich mehr mit den höheren Ebenen befassen zu wollen. Ich möchte mich „nach oben“ entwickeln. Wir wissen aus der Entwicklungsforschung, dass es sehr viel leichter fällt, sich höheren Ebenen zuzuwenden, wenn die grundlegenden Bedürfnisse der niederen Ebenen erfüllt sind, sie einen also nicht immer wieder „nach unten“ ziehen. Platt formuliert: Solange der Körper schreit, wirst Du die Seele nicht hören können. Du bist auf der körperlichen und emotionalen Ebene vorangekommen, und nun hast Du Energien frei für die Erkundung der höheren mentalen und ersten seelischen Ebenen. Du möchtest mehr wissen, mehr verstehen, wirst neugierig, wo Du früher gelangweilt weggehört hast. So etwa. Und dieser Drang nach oben wird Dich erfreuen und weiter erwecken, denn Du gehst nun den Weg zum Licht, Du näherst Dich Deinem Gott. Ohne das Wohnzimmer verlassen zu müssen …

 

Da schließt sich der Kreis, denn zu Beginn unseres Gesprächs hast Du auf die Frage, was denn für Dich „Gesundheit“ sei, auf die Notwendigkeit von horizontaler und vertikaler Harmonie hingewiesen. Ja, ich denke schon. Wenn ich erkenne, dass ich selbst aus mehreren Ebenen „bestehe“, höre ich auf, mir selbst zu schaden, indem ich meine Deutung oder Wahrnehmung von Krankheit auf eine Ebene, auf einen Faktor reduziere. Wie gesagt, manchmal kann man das machen, aber es sollte nicht zur Regel werden. Fakt ist, dass es Krankheiten gibt, die auf Karma zurückgehen, also auf die früheren Lebensumstände des Betreffenden. Fakt ist, dass es Krankheiten gibt, die auf von außen kommende Energien zurückgehen. Es gibt Krankheiten, die durch die Ernährung ausgelöst werden. Es gibt Krankheiten, deren Ursache ein Unfall war und es gibt Krankheiten, die mit der Umwelt zu tun haben, etwa schlechte Luft oder prügelnde Ehemänner. Alle diese Krankheiten zu reduzieren etwa auf „falsches Denken“ oder „falsches Karma“, ist unverantwortlich.

 

Höre ich mit diesem schrecklichen Reduktionismus auf, beginnt sofort eine neue Wahrheit in mir zu leuchten, nämlich die Wahrheit der mehreren Ebenen. Und dann, erst dann, bin ich vorbereitet auf angemessenere Behandlungen. Ich erkenne plötzlich, dass mein Denken und Fühlen vielleicht doch eine Rolle spielen könnte; ich erkenne plötzlich, dass ich meinem Körper etwas mehr gönnen sollte als nur den Gang zur Toilette. Ich schließe mögliche Ursachen nicht mehr aus, ich beziehe sie ein. Meine Sicht wird harmonischer, ganzheitlicher, umfassender. Und allein dadurch verbessere ich meine Selbstheilungskräfte.

 

Wie äußert sich die fehlende Ebenen-Kompetenz in Deiner Praxis? Was erlebst Du da?

Ich erlebe Menschen, die nur zum Handauflegen kommen. Energie rein, fertig. Kein Gespräch, keine Erkenntnis. Sie reagieren auch nicht auf behutsame Hinweise. Sie glauben an körperliche Heilung „von außen“ – in diesem Falle durch mich und meine „seltsame“ Energie – und nehmen sich selbst völlig aus dem Spiel. Gelingt die Heilung, bin ich vermutlich ein Held; misslingt sie, gehöre ich ans Kreuz. Beides ist jedoch völlig unwesentlich – wesentlicher wäre die Erkenntnis, dass Heilungsprozesse nicht nur fremdbestimmt auf der Körperebene, sondern in hohem Maße selbstbestimmt auf den höheren inneren Ebenen ausgelöst werden können.

Und ich erlebe die andere Gruppe, die, die völlig aufgewühlt ihr „falsches“ Denken und Fühlen als alleinigen Verursacher ihrer Beschwerden vermuten – und total überzeugt sind von der „Macht des Quantenvakuums“, welches sie mit ihren Gedanken aktivieren würden oder von der Behauptung, sie hätten sich ihr Leid „beim Universum bestellt“ oder, noch schlimmer, sie würden sich „ihre Realität selbst erzeugen“. Sie kommen zu mir, weil sie hoffen, meine geistigen oder seelischen oder sonst was Kräfte seien so rein, so gut und so richtig, dass ich sie nur auf sie übertragen müsste, und – schwupps – fertig sei die Gesundheit. Das ehrt mich und könnte mir, nutzte ich diese Sicht gnadenlos aus, eine Menge Geld in die Kasse spülen, aber so geht es doch einfach nicht.

 

Aber ist diese Ebenen-Kompetenz wirklich nötig, ich meine jetzt für den Heiler? Du selbst hast Heilungen ausgelöst nur durch Handauflegen, ohne jedes „höhere“ Gespräch und unabhängig davon, ob der Patient nun einseitig nur an eine Ebene, nur an innere oder nur an äußere Verursachung glaubt. Reicht das nicht?

Mir reicht das nicht, ganz klar. Denn ich habe hier nicht die erfolgreichen Heilungen im Blick, sondern die weniger gelungenen. Jeder Heiler berichtet stolz über seine erfolgreichen Heilungen – aber wie viele erzählen von den ausgebliebenen Genesungen? Mein Herz erfreut sich an den Heilungen, gewiss, aber noch mehr leidet es an den Nicht-Heilungen. In diesen weniger erfreulichen Fällen könnte mehr getan werden, müsste mehr getan werden, wenn das Bewusstsein des Klienten und das gesellschaftliche Bewusstsein etwas mehr auf die Ebenen ausgerichtet wären.

Ebenen-Kompetenz erzeugt Selbstheilungskompetenz. Sie bringt mich selbst stärker ins Spiel. Dagegen lässt mich mein einseitiger, mein Ein-Ebenen-Blick, permanent zu dem Arzt oder dem Heiler laufen, von dem ich glaube, er könne diese Ebene heilen. Da Krankheit aber auf mehreren Ebenen ihren Ort hat, genügt das einfach nicht. Ein Heiler kann mir Energie geben, ja, aber für einen befreienden Dialog muss ich selbst bereit sein. Ein Heiler kann mir spirituell helfen, ja, aber vielleicht sollte ich einfach meinen Körper mehr bewegen und joggen oder Krafttraining machen, statt wochenlang über mein Karma zu rätseln.

 

Ebenen-Kompetenz erzeugt Selbstheilungskompetenz – Du sprichst Dich für mehr Selbstheilungsprozesse aus?

Für ein stärkeres Bewusstsein, dass jeder einzelne mehr tun kann als er vermutet. Wir alle haben viel mehr Kraft, viel mehr Power, als wir uns selbst zugestehen. Unser Körper benötigt Vertrauen, keine Nahrungsergänzungsmittel. Unsere Gefühle wollen leben, nicht unterdrückt werden. Unser Geist verlangt nach neuer Erkenntnis, nicht nach altem Glauben. Und unsere Seelen wollen endlich gehört werden und nicht verleugnet. All das ist möglich, es braucht dazu nicht viel. Etwas Mumm, etwas Freude und Kreativität, etwas Selbstliebe.

Aber gerade hier in Deutschland gibt es ganze Generationen, die immer nur mit einer Botschaft lebten: „Geh zum Arzt, wenn Du Dich schlecht fühlst, der kostet nichts.“ Und so war es ja auch: Es kostete nichts, nur einen gelben Krankenschein, und der Arzt im weißen Kittel war der heilende Halbgott. Keiner hat hier mal inne gehalten und nach den wirklichen Kosten und der eigenen Rolle im Heilungsprozess gefragt. Es gibt also viel nachzuholen, viel zu verbessern. Heilung kostet Geld, wenn man dafür die Hilfe eines anderen braucht. Gesundheit ist ein kostbares Gut. Entsprechendes gilt für diejenigen, die „heilende“ Dienste anbieten. Ihr Dienst hat einen Wert, einen großen Wert, und es wird Zeit, dass wir das allmählich begreifen. Wenn ich sehe, mit welchen Hungerlöhnen Pfleger und auch Ärzte leben müssen, wird mir ganz übel.

Wer immer noch glaubt, Heilung habe im Kern nichts mit ihm selbst zu tun, koste nichts und müsse auch nicht ordentlich bezahlt werden, der demonstriert gerade mit dieser Einstellung seine innere Unordnung. Leute etwa, die erwarten oder gar fordern, dass „alternative Heiler“ ihre Dienste doch gefälligst umsonst anbieten müssten, leiden an einer tief sitzenden mentalen Krankheit. Und Heiler, die umsonst behandeln, leiden an der gleichen Krankheit.

Ich schaffe mir hier vielleicht keine neuen Freunde, aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass diese Krankheit endlich erkannt wird. Sie hat einen Namen, man erkennt sie selber nur selten, weil man sie sich nicht eingestehen möchte. Ihr Name ist „mangelndes Selbstbewusstsein“ oder „Minderwertigkeitsgefühle“ oder schlicht „schwaches Ego“. Und deshalb lautet meine schlichte Empfehlung auf dem Weg hin zu mehr Gesundheit: Stärkt euer Ego! Werdet selbstbewusster! Erkennt euch selbst! Werdet eine starke Person, denn nur dann könnt ihr eine transzendente Person-Plus werden, nur dann könnt ihr das Ego mit der Gnade der eigenen Seele umarmen, um schließlich auch die eigene Seele aufzulösen in den kausalen GEIST, der einzige „Ort“ und der einzige Zustand, wo alles Leiden sein befreiendes Ende findet.

 

Vielen Dank, Carsten.

 

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