CARSTEN RACHOW GEISTiges Heilen

Erfolg und Misserfolg eines Heilers

(Interview mit meinem Selbst.

Über Fragen, die mir gestellt wurden und die ich mir selbst stellte.

Mit Antworten, die ich selbst und die Fragenden als hilfreich empfanden.

Stand: Februar 2010, Carsten Rachow, Frankfurt am Main)

 

Carsten, kannst Du Menschen heilen?

Nein. Ich allein kann niemanden heilen. Noch nicht einmal mich selbst. Denn tatsächlich agiere ich ja niemals „allein“, nicht wahr? Ich bin immer eingebunden in ein kulturelles Netz aus Wissen, Glaube und Bedeutung. Ich lese Bücher, die andere geschrieben haben, bilde mir meine Meinung, die gesellschaftlich mitgeprägt ist. Schon der Wunsch, sich selbst zu 100 % heilen zu wollen, ist Ergebnis dieses intersubjektiven kulturellen Kontextes – ich allein könnte diesen Wunsch gar nicht denken, gar nicht für sinnvoll halten, wäre er nicht intersubjektiv mitbegründet. Ich kann mich vielleicht zu 70, 80 oder 90 % selbst heilen, niemals aber zu 100 %. Weil ich nie allein bin. 

 

Ist das nur Understatement, falsche Bescheidenheit, philosophische Wortklauberei, Rücksichtnahme auf die deutschen Gesetze – oder Deine feste Überzeugung?      

Meine feste Überzeugung. Wenn Heilung passiert, dann deshalb, weil der Kranke und der Heiler gemeinsam einen heilenden Prozess erlauben, ermöglichen, nicht verhindern – wie auch immer.  Intersubjektivität ist immer anwesend. Ein kranker Mensch hat zwei Chancen auf Heilung: Er heilt sich zu 70, 80 oder 90 % selbst, oder er nimmt die direkte Hilfe und Unterstützung eines anderen in Anspruch. In Zahlen ausgedrückt, steigt dann vielleicht der durch den Heiler beigesteuerte Fremdanteil auf 20, 50 oder 80 %, wer weiß das schon genau, aber niemals auf 100 %.   

 

Bedeutet das, wenn keine Heilung eintritt, dass der Kranke dann nicht fähig war, sich selbst zu heilen?

Gott bewahre, genau das bedeutet es in dieser Ausschließlichkeit nicht. Wenn Heilung nicht eintritt, tritt sie vielleicht an diesem Tag, in dieser konkreten Situation nicht ein. Das ist alles, was wir gesichert sagen können. Schon morgen oder in einer anderen Situation könnte sie eintreten. Heilung kann relativ schnell erfolgen, binnen 5 Minuten, nach 1 Tag - oder in länger dauernden kleinen Schritten. Und auch dann wissen wir nicht, warum eigentlich? Heilung ist ein hochkomplexer Vorgang, weil jeder Mensch eine hochkomplexe, mehrdimensionale „Schöpfung“ ist. Und wenn zwei Menschen gemeinsam bei einem Heilungsvorgang mitwirken, wirken zwei hochkomplexe Wesen zusammen. Da kann enorm viel Gutes entstehen – oder eben wenig oder nichts. Alles ist möglich.

 

Wenn es klappt, sind also alle am Heilerfolg beteiligt, und wenn nichts passiert, gilt das ebenso?

Grundsätzlich könnte man das so sagen. Eine solche Sichtweise schließt jedenfalls alle Beteiligten, ja sogar deren aktuelles soziales Umfeld, in den Heilungsvorgang ein – und nicht aus, was ich für schädlich hielte. Diese Sicht fordert uns auf, auf geeignete Weise aktiv zu werden: Beide, Heiler und Klient, können ihren jeweiligen Part hinterfragen, sich selbst prüfen, neue Wege versuchen, das Innenleben etwas verändern, und nicht nur für eine Stunde, sondern eben möglichst dauerhaft usw.

 

Was kann ein Heiler tun, was ein Erkrankter, um Heilungen zu ermöglichen?

Niemand kann das heute genau sagen. Es gibt keinen Schalter, den wir einfach umlegen müssen, und dann geschieht Heilung. Aber wir wissen, dass es günstigere und ungünstigere Voraussetzungen gibt, um Heilung zu ermöglichen – und die sollte man dann schon im Auge behalten, nicht wahr?

 

Welche wären das?

Nun, ein Heiler, der für sich in Anspruch nimmt, mit bestimmten "Energien" zu arbeiten, könnte etwa genau das, seine energetische Wirksamkeit, wissenschaftlich überprüfen lassen. Die heute möglichen Messergebnisse sind auf der Ebene der eher grobstofflichen, der eher physikalischen Energien, relativ aussagekräftig. Ich z.B. kann gesichert von mir sagen, dass meine Energien das so genannte „Biofeld“ beeinflussen können. Ich kann gesichert sagen, dass ich die hochenergetischen Wasserstoffbrücken zwischen den Wassermolekülen mit Energie aufladen und damit wieder herstellen, wieder „aktivieren“ kann. Und ich kann sagen, dass manche dieser Fakten eine gesicherte „medizinische“ Wirkung haben, also irgendwie positiv, „heilend“ auf den menschlichen Körper wirken. Diese Fakten stärken natürlich mein Selbstvertrauen, sie zeigen aber auch dem Hilfesuchenden an, dass hier jemand ist, der tatsächlich über die Gabe verfügt, energetische Wirkungen zu erzeugen.

Aber all das bedeutet nun nicht, dass ein Heiler ohne derartige Messergebnisse – oder etwa mit niedrigeren Messwerten – nicht heilen oder schlechter heilen könnte. Das ist mir sehr wichtig. Wir können nicht alle Formen von Energie wissenschaftlich messen – wir betrachten nur einen kleinen Ausschnitt, nicht aber das ganze Bild.

 

Bleiben wir noch bei den Voraussetzungen, die Heilungen begünstigen können? Was gibt es da noch?

Glaube – und zwar nicht als zweifelnde Möglichkeit, sondern eher als innere Gewissheit. Ich weiß nicht, wie groß die Rolle ist, die der Glaube spielt, aber sie dürfte eher groß als klein sein. In allen Fällen, ich wiederhole: in allen Fällen erfolgreicher Heilungen in meiner Praxis bin ich mir absolut sicher, dass ein starker Glaube anwesend war – und zwar sowohl bei mir als auch beim Klienten.

 

Was macht diesen Glauben aus? Ist es ein religiöser Glaube oder was ist es?

Wenn ich das gesichert wüsste, würde ich es sofort der ganzen Welt berichten … Nun, ich mache immer eine Art von Super-Vision nach jeder Behandlung, frage mich, was gut gelaufen ist, was anders war und so weiter. Ich erinnere mich z.B. an meine eigene innere Haltung: War ich mir sicher, hier helfen zu können, ging ich wie selbstverständlich davon aus, dass Heilung geschehen wird  - oder hat mich die Person des Hilfesuchenden, die Schwere seiner Erkrankung oder meine eigene allgemeine Verfassung an diesem Tag eher zögern lassen, eher zweifeln lassen? War ich gefestigt in meinem Glauben – oder eher nicht?

Ich erinnere auch die Haltung des Klienten: Verhielt er sich eher entspannt, offen, aufnahmebereit und irgendwie auf Heilung vertrauend – oder war da eher Stress, Anspannung und Zweifel im Spiel? Gelang es mir, durch Wort und Tat, durch meine Person, diese Haltung zu lockern – oder habe ich sie noch verstärkt?

Solche Fragen sind, jedenfalls für mich, weiterführend. Ich bin mir absolut sicher, dass alle meine erfolgreichen Heilungsprozesse von einem starken Feld des Glaubens unterstützt wurden.

 

Also kein religiöser Glaube im engeren Sinne, oder? Eher eine Art innerer Vorfreude, inneres Wissen?

Na ja, Wissen wäre zu viel des Guten. Und inwieweit religiöse Aspekte einfließen, vermag ich auch nur für mich zu sagen. Ich bete in jeder Sitzung kurz und mir hilft das, innere Stärke zu bekommen. Und ja, wenn man ganz genau hinschaut, kann man einen ganz subtilen Unterschied spüren zwischen Glauben und Glauben. Ich kann – als Heiler und als Erkrankter – einen Glauben in mir tragen, der etwa sagt: “Hoffentlich geht es gut. Gott, hilf’ mir, hilf’ uns.“ Und dabei die ganze Zeit in mir eine leise, zweifelnde Stimme vernehmen, die mir zuruft: „Das wird hier nichts.“ Das ist ein anderer Glaube als der, von dem ich meine, dass er helfender ist. Da gibt es seltsamerweise diese zweifelnde Hintergrundstimme nicht oder kaum. Stattdessen ist da so eine innere Sicherheit, wie sie sich etwa einstellt, wenn Du die Frage nach Deinem Namen mit Deinem Namen beantwortest – und dann gefragt wirst, ob Du Dir sicher bist? – Du zuckst mit den Schultern, lächelst und sagst: „Na klar doch.“ Das innere Gefühl unterscheidet sich erheblich von dem zweifelnden „Es könnte sein, vielleicht auch nicht, mal sehen, wie’s wird“-Gefühl.

 

Und wie stellt sich dieser Glaube ein? Kann man ihn „erzeugen“?

Das ist eine wirklich gute Frage. Okay, die anderen Fragen waren auch gut, aber die hier finde ich besonders gut. Warum? Weil sie wieder auf diese Intersubjektivität hinweist, die sich automatisch einstellt, wenn zwei Menschen sich begegnen. Der Heiler hat seinen Glauben und der Klient auch. Aber in der Verbindung beider entsteht ein neuer Glaube, ein höherer, ein gemeinsamer. Oder eben nicht. Und hier liegt, wie ich glaube, eine besondere Begabung, die ein Heiler entwickeln sollte: Ein Heiler sollte durch sein ganzes Wesen fähig sein, dieses gemeinsame Glaubens- oder Energie- oder Bewusstseinsfeld entstehen und wachsen zu lassen. Seine Zweifel schaden dem Klienten; seine Gewissheit stärkt ihn. Es geht hier nicht um hübsch geschmückte Räume, um Klangschalen, aromatische Düfte und dergleichen – es geht hier um die Persönlichkeit des Heilers, sein ganzes Wesen, seine Ausstrahlung. Eine angemessene Atmosphäre unterstützt natürlich, gewiss, aber wichtiger ist nicht die Klangschale, sondern der „Klang“ des Heilers.

Er sollte fähig sein, zweifelnde und angespannte Klienten zu verändern, innerlich „glaubender“ zu machen. Dann haben Heilungen bessere Chancen.

 

Kannst Du mal einige Beispiele aus Deiner Praxis erzählen? Welche Heilungen hast Du erlebt, welche nicht, und welche Schlüsse ziehst Du daraus?

Gerne, aber ich möchte zunächst kurz darstellen, was ich unter dem Begriff „Heilung“ verstehe. Und ich möchte noch einmal daran erinnern, dass alles, was hier passiert, im Kontext einer wirkenden Intersubjektivität passiert. Ich bin beteiligt an Heilungen, aber ich allein heile nicht – das kann man gar nicht oft genug sagen. Also, was ist „Heilung“? – Heilung ist für mich nicht nur das Verschwinden eines körperlichen Symptoms. Viele Menschen, aber auch die meisten Schuldmediziner, reduzieren Heilungsvorgänge auf die rein körperliche Ebene. Aber Heilung ist weit mehr als nur das. Heilung bedeutet z.B. ein besseres Verstehen und Akzeptieren von Krankheit, bedeutet die Linderung von Schmerz und Leid auf ein erträgliches Maß, bedeutet das Erwachen von Hoffnung, Zuversicht, Sinn und Bedeutung, bedeutet ganz allgemein eine Verbesserung der Lebensqualität. Es ist wichtig, sich das bewusst zu machen. Ich kann „heiler“ sein als zuvor, obwohl der Körper immer noch die alten Symptome zeigt.

 

Aber ist das Ziel nicht doch die Beseitigung der körperlichen Symptome?

Sicher. Wenn Krankheit hier ihren „Ort“, ihren Schwerpunkt hat. Häufig hat Krankheit ihren Ort aber auf der mentalen oder seelischen Ebene oder im intersubjektiven Bereich, in der Beziehung zum Ehemann oder zum Chef.

 

Du wolltest einige Beispiele für erfolgreiche Heilungen nennen.

Gut, und ich erlaube mir, jedes Mal kurz hinzuzufügen, was meiner Einschätzung nach an diesem Fall bemerkenswert war – abgesehen davon, was natürlich das Schönste ist, dass es sich um Fälle erfolgreicher Heilungen handelt.

Fall 1): Eine junge Frau, bewandert in und behandelt mit östlichen Heilweisen wie Akupunktur und Reiki, mit praktischen Erfahrungen in Atem- und Körper-Yoga, kommt mit hartnäckigen Nacken-Schmerzen. Seit drei Jahren keine Besserung, die Schmerzen links und rechts am Hals sind immer da, mal stärker, mal schwächer. Nach 10-minütiger gemeinsamer Atem-Meditation, einmaligem Handauflegen auf das Brustbein und weiteren 2 Minuten Behandlung der Hals-/Nackengegend im Take-Modus ist der Schmerz verschwunden. Bis heute. Besonderes Kennzeichen der Sitzung: locker, heiter und entspannt. Sie glaubt fest an die Kraft der Selbstheilung.

Fall 2): Ein 9-jähriger Junge mit „seltsamer“ Gehschwäche von Geburt an. Seit 9 Jahren in ärztlicher Behandlung, ohne Diagnose, ohne Besserung. Niemand weiß, was die Ursache ist, niemand konnte helfen. Der Junge läuft auf der linken Seite unrund, der Fuß ist seltsam unbeweglich, das linke Bein „knickt“ nach innen ein. Nach eigener Einschätzung beträgt sein Laufvermögen nur 4 Punkte auf einer 10-Punkte-Skala. Nach dreimaligem Handauflegen wird der Körper des Jungen sehr warm, drei Tage später liegt er mit 39,5 Grad Fieber im Bett, zwei Tage später ist das Fieber so plötzlich vorbei wie es gekommen war – und der Junge kann normal laufen. „Ich bin jetzt bei 7-8 Punkten,“ berichtet er stolz. Weitere Behandlungen bringen ihn auf 9 Punkte. Die Eltern berichten, dass der Junge selbstbewusster geworden sei. Eine „Heilung“ sei auch auf den höheren Ebenen erfolgt. Besonderes Kennzeichen der Sitzung: Die Eltern waren immer anwesend. Das gemeinsame Glaubensfeld wurde von 4 Menschen erzeugt. Der Junge war von Beginn an offen und „kindlich“ vertrauend. Die „beinmotorische Schwäche“ bestand seit der Geburt, was mentale, erziehungs- oder ernährungsbedingte Faktoren ausschließt.

Fall 3): Ein 74-jähriger Witwer mit Knieschmerzen und Asthma bronchiale. Nach sechsmaligem Handauflegen beschwerdefreies Knie und „seltsam“ leichtere Atmung. Er reduziert nach Rücksprache mit seinem Hausarzt die Medikamentierung. Es treten keine Anfälle mehr auf. Er fühlt sich gekräftigt und „lebenslustig“. Besonderes Kennzeichen: Der Witwer ist mein Schwiegervater, also haben wir hier den seltenen Fall von erfolgreicher Heilung „im eigenen Dorf, wo der Arzt oder Prophet nichts gilt“. Wolfgang liebt mich wie seinen eigenen Sohn – und ich liebe ihn. Er hat zu keiner Sekunde an mir gezweifelt. An mir. An sich hat er nie gedacht. Denn für ihn war es keine Selbstheilung, so sehr ich mich auch um Aufklärung bemühte. „Nee, Carsten, das hast Du ganz alleine gemacht. Damit hab’ ich nichts zu tun.“ Ein klarer Fall von angeblich 100 %iger Fremdheilung, oder was denkst Du ...?

 

Und so gibt es noch viel mehr erfolgreiche Fälle: Eine Hüftoperation wird – aus eigenem Entschluss und etwa 2 Wochen nach meiner Behandlung - verschoben, weil plötzlich der Glaube an Heilung wirkt – und die Hüftschmerzen nachlassen. Halsschmerzen nach operiertem Zungenhalskrebs verschwinden; eine seit 4 Jahren teilweise gelähmte Hand wird nach 5 Minuten Handauflegen wieder beweglich. Stechende Schmerzen im Fußgelenk lassen nach einer Fernbehandlung plötzlich nach. Selbst per E-Mail oder telefonisch können Heilungen aktiviert werden: Eine junge Frau aus Paris berichtet, dass sich nur durch das Gespräch ihr Leben deutlich verbessert hätte. Sie hat einige mentale und seelische Blockaden unter Anleitung lösen können.

 

All diese Fälle sind gute Beispiele für das, was ich unter erfolgreicher Heilung verstehe: Intersubjektivität, wirkende Energie, Glaube, mehr Lebensqualität, Veränderungen auf allen Ebenen.

 

Und die Misserfolge? Gibt es Fälle, wo nichts passiert und wenn ja, weshalb?

Nun, die Antwort auf die Frage, ob eine Behandlung erfolgreich oder nicht erfolgreich war, ist immer eine deutende, eine interpretierende Antwort. Nach manchen Behandlungen fällt die Interpretation leicht und ziemlich eindeutig aus: Ja, hier ist Heilung passiert. Der Klient selbst spricht dies aus. Punkt. In anderen Fällen passiert körperlich vielleicht wenig, aber mental-seelisch einiges – und solche Fälle bedürfen der Deutung, sonst übersieht man schnell die Wirkungen auf den höheren Ebenen. Und in den Fällen, wo wenig oder nichts passiert, sollte man sich sehr sicher sein, bevor man genau dies feststellt. Denn eigentlich „passiert“ immer etwas, es kommt nur darauf an, sich darüber ausreichend bewusst zu werden – und das Geschehene als einen heilenden Prozess zu erkennen.

 

Ich trug eine 18-jährige junge Frau auf meinen Händen, weil der Tumor in ihrem Kopf sie schon sehr geschwächt hatte. Inoperabel. Ich erzielte keine erkennbare Wirkung mehr auf der körperlichen Ebene. Sie starb vier Wochen später. Ich hatte sie in den Garten getragen, dort saßen wir ruhig nebeneinander, sprachen ein wenig, lauschten den Vögeln, rochen die grüne Luft. Sie konnte nur noch nuscheln. Sie wusste, dass sie sterben würde. Sie lehnte ihren müden Kopf an meine Schulter und sagte: „Danke.“ Mehr nicht. Nur „Danke“. Was sollst Du dazu sagen? Heilung ja oder nein? Sie war die bewundernswerte Tochter einer bewundernswerten Mutter, denn kurz nach der Beerdigung rief mich die Mutter an. Um mich über ihre letzten Stunden zu informieren – und um sich ebenfalls zu bedanken. Ich weinte leise am Telefon. Welche Kraft? Welche Größe? Kein Fluchen über diesen Heiler, der nichts mehr bewirken konnte, keine Vorwürfe. Stattdessen: „Danke.“ Heilung ist mehr als das Verschwinden körperlicher Symptome …    

 

Ja, ich kann es jetzt auch sehen. Heilung ist mehr als … Welche Rolle spielt der Faktor „Geld“ bei einer Heilung? Das ist jetzt ein ziemlicher Richtungswechsel, aber mir fällt gerade keine bessere Frage ein.

Oh, mir gefällt diese Frage sehr. Denn Heilung wird durch viele Faktoren begünstigt oder behindert, und Geld ist ein solcher Faktor. Es ist also wichtig, auch über Geld zu reden. Ich hatte mit Sicherheit einen Fall, wo Heilung wegen des Geldes nicht möglich war. Das ist schlimm, aber manchmal nicht zu vermeiden. Wir müssen auch mit solchen Fällen leben lernen.

 

Ich wurde nach Polen gebeten. Ein Mann, Mitte 40, mit „Recklinghausen“. Nennen wir ihn „Pjotre“. Gutartige Tumore befallen nach und nach den ganzen Körper, drücken auf die Nerven und schwächen die Muskulatur. Seine liebenden Eltern waren mit ihm schon "in halb Europa“, in Krankenhäusern, bei Spezialisten, bei 4 oder 5 Heilern. Ohne Erfolge. Letzte fachärztliche Diagnose: inoperabel. Transportunfähig. Pjotre sitzt im Rollstuhl, schläft im Rollstuhl, macht alles im Rollstuhl. Er kann auch liegen, aber die Sitzhaltung verursacht am wenigsten Schmerzen. Er kann kaum schlucken, kaum sprechen. Pjotre ist traurig, tief traurig, still und sehr tief verzweifelt. Ich behandele ihn 3 Tage lang. Mit guten Wirkungen: Pjotre aktiviert sich, will raus in den Garten, schläft plötzlich die Nacht durch (vorher höchstens 1-2 Stunden), seine Augen leuchten wieder. „Das ging so etwa eine Woche,“ berichtet mir der Vater telefonisch, „eine Woche ging es ihm besser. Dann war alles wieder wie vorher.“ Die eine Frage, von der wir beide wussten, dass wir sie nicht beantworten können, die eine Frage stellte er nicht: „Können Sie nicht noch einmal kommen?“

Ich konnte nicht. Aus finanziellen Gründen. Ich kann nicht jede Woche oder jede zweite Woche die Kosten für Flug und 3 Tage Aufenthalt in Polen tragen. Und er konnte es auch nicht. Hätte Pjotre hier bei mir um die Ecke gewohnt, ich wäre jede Woche bei ihm gewesen. Hätte ich im Lotto gewonnen, ich … Manchmal ist das Leben beschissen, und man tut gut daran, es genau so zu nennen.

 

Ein Heiler muss lernen, mit „dem Leben“ zu leben?

Logisch. Es gibt Dinge, die man lernen muss zu akzeptieren. Es gibt Umstände, in denen man etwas erreichen kann  - und Umstände, in denen das nicht möglich ist. Ich versuche mich – nach gewissenhafter Abwägung - auf die Dinge zu konzentrieren, wo ich wirken und helfen kann.

 

Vielen Dank, Carsten.

 

 

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