... über das Wesen der GEISTheilung
(Interview mit meinem Selbst.
Über Fragen, die mir gestellt wurden und die ich mir selbst stellte.
Mit Antworten, die ich selbst und die Fragenden als hilfreich empfanden.
Stand: Februar 2010, Carsten Rachow, Frankfurt am Main)
Zu Beginn würde ich gerne einige Begrifflichkeiten klären. Du legst Wert auf den Unterschied zwischen „Geistheilung“ und „GEISTheilung“. Beide Begriffe meinen offenbar nicht das Gleiche. Weshalb diese Unterscheidung?
Ja, da gibt es einen riesengroßen Unterschied. „Geist“ meint bei mir immer die Ebenen des denkenden Geistes oder umgangssprachlich des „Verstandes“, wie er sich im Menschen zeigt und sich über verschiedene Ebenen entwickelt. Dagegen meint GEIST – groß „gesprochen“ – die Quelle allen Seins, den absoluten Urgrund, keinen speziellen Gott der Religionen, sondern die transzendente Gottheit über allen Göttern. Geist beinhaltet das denkende Ego, GEIST beinhaltet das gesamte Sein und die gesamte Form der manifesten Realität. GEIST manifestiert sich z.B. als schlafender Stein, als fühlende Pflanze, als lebendiges Tier und als denkender Mensch – von unbelebter Materie über belebte Materie hin zum Geist und so weiter. Oder kürzer: vom Körper zum Geist zur Seele. Diese Abfolge der Entwicklung oder Entfaltung von GEIST nennen wir Evolution.
Und was bedeutet dieser in der Tat große Unterschied für das Verständnis oder die Wirksamkeit von Geistheilung. Was unterscheidet Geistheilung von GEISTheilung?
Nun, sprachlich zunächst einmal gar nichts – es sei denn, man sagt jedes Mal dazu, welchen „Geist“ man gerade meint, den kleinen oder den großen – was ich tatsächlich auch so mache. Die generelle Bedeutung des Wortes „Geistheilung“ hängt entscheidend vom Kontext ab – und der ist leider gegenwärtig eher auf den kleinen Geist als auf den großen GEIST ausgerichtet. Die meisten Menschen denken an Geist, nicht an GEIST, wenn sie „Geistheilung“ hören. Das hat Folgen: Es bedeutet zum Beispiel, dass viele Hilfesuchende mit den Worten „geistige Heilung“ irgendeine Form von Geisteskrankheit verbinden. Ihr Körper sei krank, weil sie „im Geiste“ krank seien. Ein Geistheiler ist danach mehr ein Psychodoktor, einer, der mehr mit der "Klappsmühle" als mit der Seele oder Gott zu tun hat. Und wer möchte schon freiwillig zu so einem Doktor gehen? Und dann auch noch bei Freunden darüber berichten? Außerdem könnten manche Heiler selbst in die Versuchung geraten, unter „Geistheilung“ eher den Einsatz mentaler Kräfte als die des transzendenten GEISTES zu verstehen, kurz: ihr eigenes denkendes Ego überzubewerten. Deshalb bemühe ich mich, behutsam zu einer Veränderung des gesellschaftlichen Kontexts beizutragen. Je eher das allgemeine Denken in der Bevölkerung unter „Geistheilung“ nicht mehr die Heilung einer Geisteskrankheit und im Heiler einen Psychodoktor erkennt, sondern darunter „Heilung mit der Kraft des GEISTES“ versteht, desto besser.
Warum dann nicht einfach „Heilung mit der Kraft Gottes“ sagen? Du gebrauchst ja „GEIST“ und „Gott“ oder „die Gottheit“ auch synonym. Und „heilen mit der Kraft Gottes“ würde wohl jeder verstehen, jedenfalls würde man nicht an Geisteskrankheit und Klappsmühle denken.
Das mit Sicherheit nicht, aber woran würden die Leute dann denken? Woran denkst Du, ich möchte sagen, fast automatisch, wenn Du hörst, da „heilt jemand mit der Kraft Gottes“? Was verstehen die Leute, wenn sie „Gott“ hören, hier im christlichen Kulturkontext? Ich fürchte, sie verstehen dann, ohne dass ich diese Symbole jetzt weiter ausführen möchte, sie verstehen dann Jesus, Bibel, Wunder und so weiter. Das ist an sich kein Problem, die religiöse Gottesnähe löst bei vielen Menschen auch positive Impulse aus, etwa die Stärkung ihres Glaubens an Heilung. Zum Problem wird dieser Glaube im Kontext von Heilungsprozessen aber dann, wenn er das eigene Selbst praktisch ausblendet und stattdessen von einer „Fremdheilung“ ausgeht. Also etwa so: „Gott hat mich geheilt, ich selbst kann gar nichts dafür.“ Diese Haltung halte ich aus verschiedenen Gründen für hinderlich.
Von dieser stark religiös gefärbten Ebene der Interpretation, der Deutung und des Verständnisses des Heilungsprozesses möchte ich den Begriff „Geistheilung“ lösen, um nicht zu sagen, befreien. Deshalb „GEISTheilung“. Bei GEISTheilung heilt nicht Jesus, nicht der biblische Gott und auch keine „übernatürliche“ göttliche Energie, sondern GEIST. Und das ist, jedenfalls nach dem Verständnis der großen Weisheitstraditionen in Ost und West, dem Verständnis aller Mystiker und dem Verständnis der aktuellen Forschung, etwas ganz anderes als der christliche Gott oder der von ihm ausgehende „heilige Geist“.
Bitte erklären. Was an diesem, wie Du sagst, GEIST der Mystiker, der Traditionen und der aktuellen Forschung ist denn anders als beim christlichen Gott? Und was genau meinst Du mit Forschung? Das hört sich ja so an, als ob man diesem GEIST irgendwie wissenschaftlich auf die Spur gekommen sei?
Das ist man in der Tat. Ich verweise, was die wissenschaftliche Beschäftigung mit Geist, Bewusstsein, Energie und Materie betrifft, gerne auf die integralen Studien, die von Ken Wilber ins Leben gerufen und an der Integral University in den USA mittlerweile von hunderten von Experten vorangetrieben werden. Mit „integral“ ist gemeint zusammenführen, verbinden, zu einem größeren Ganzen fügen. Wilber hat in einer für mich fast schon „übermenschlichen“ Leistung die großen Weisheitstraditionen von Ost und West zusammengebracht, hat Buddha mit Freud vereinigt, hat die Wissenschaften des Inneren wie Psychologie, Hermeneutik und Strukturalismus mit den Wissenschaften der „Natur“, des sichtbaren Äußerlichen, verbunden. Wir verfügen heute, dank dieser Arbeit, erstmalig in der Geschichte der Menschheit über eine alle menschlichen Wissensgebiete umfassende Landkarte des Seins – eine Karte des GEISTES, wenn Du so willst. Erstmalig können wir z.B. erkennen, wie etwa Bewusstsein sich entwickelt, mit welchen Formen von Energie dies verbunden sein könnte, wie das menschliche Ich sich entwickelt, welche „Gefahren“ unterwegs lauern und schließlich, was das alles mit Krankheit und Gesundheit zu tun haben könnte. Es wäre geradezu töricht, auf dieses Wissen zu verzichten, will man GEISTiges Heilen besser verstehen.
Und damit eins ganz deutlich wird: Meine Aufforderung hin zu mehr Verständnis in dieser Sache ist keine Aufforderung um des reinen Verstehens willen, ist keine intellektuelle, keine philosophische Forderung. Es geht mir ganz pragmatisch um uns, um unsere Gesundheit. Um ein besseres, glücklicheres, integraleres Leben. Um mehr Selbstheilung und um weniger Fremdheilung.
Gut, und was ist nun der wesentliche Unterschied zwischen Heilung durch den GEIST und Heilung durch Gott?
Das eine betont mehr den Aspekt der Selbst-Heilung, das andere mehr den der Fremd-Heilung. Hier geht es um mehr als nur um eine Akzentverschiebung; hier geht es im Kern um den Unterschied zwischen Freiheit und Gefängnis. Heilung durch Gott bedeutet Heilung durch eine mir fremde, unbekannte, von mir verschiedene Kraft – etwa die Kraft, wie sie – nach biblischer Tradition - Jesus Christus verkörperte. Nicht ich befreie mich von Leid und Schmerz, sondern ein anderer. Ich werde befreit – aus dem „Gefängnis“ meiner Unfähigkeit entlassen. Diese Haltung macht mich zu einem passiv Wartenden. Dagegen bedeutet Heilung durch den GEIST den innigen Kontakt mit einer nicht von mir verschiedenen Kraft, mir nicht fremden, unbekannten Kraft oder Energie, sondern einer Energie, die ich fähig bin, tief in mir zu spüren und als zu meinem Selbst gehörig zu erkennen. Diese Selbsterfahrung ist so ziemlich genau das, was das Wort „Selbsterfahrung“ bedeutet: Ich mache die individuelle, körperliche Erfahrung in mir selbst, dass da etwas wirkt. Diese Erfahrung kann ich vielleicht nicht in passende Worte kleiden und auch nicht bei jeder Gelegenheit reproduzieren, aber ich weiß, dass es diese Kraft in mir gibt, wenn ich sie denn einmal erfahren habe. Ich befreie mich selbst, weil ich nun beginne zu erkennen, dass ich schon immer frei war. Diese Haltung macht mich zum aktiven Gestalter. Bei „Heilung durch Gott“ ist der feste Glaube an einen anderen, an Jesus oder eben an Gott, gefragt; bei „Heilung durch den GEIST“ ist es feste innere Gewissheit, dass ich selbst es bin, der diese Kraft erzeugen kann. Beides, Gott und GEIST, kann ich vielleicht nicht beweisen, aber das eine kann ich fühlen, kann ich als zu meinem Selbst gehörend erfahren – das andere muss ich irgendwie glauben. Verkürzt bedeutet dies: Heilen mit GEIST bedeutet zunehmende Bewusstheit. Heilen mit Gott bedeutet bleibende Unbewusstheit.
Was muss ich denn tun, um diese befreiende Kraft, diese „heilende“ Energie zu spüren? Und besteht da nicht die Gefahr, dass ich mich selbst zu einem Gott oder einer Göttin mache, wenn ich, wie Du sagst, diese höchste aller Gottheiten in mir fühlen und wahrnehmen kann?
Letzteres passiert ja dauernd. Viele Menschen haben transzendentale Erfahrungen mit einer höheren Gottheit, mit dem Absoluten, dem Einen. Befragt man sie seriös, schwören sie Stein und Bein, dass sich ihr kleines Selbst aufgelöst hätte in ein „unendliches“ Selbst, dass sie eingetaucht waren in unbeschreibliche Erfahrungen von Licht und Liebe und „reines Bewusstsein“ gefühlt hätten und so weiter. Aber jeder Mensch deutet solche vorübergehenden Gipfelerfahrungen auf Basis seiner aktuellen Bewusstseinsentwicklung, zu der natürlich der jeweilige kulturelle Kontext gehört. Und manche laufen dabei leider Gefahr, ihr eigenes Ego zu etwas Göttlichem zu erheben – weil sie glauben, genau dies erfahren haben. Viele gutmeinende New-Ager oder Boomer, wie Wilber sie nennt, haben ungefähr so ihr eigenes kleines narzisstisches Ego in aller gebotenen Zurückhaltung zu einem allmächtigen, alles verstehenden Gott aufgebläht. Sie erklären Krankheit mit schlechten Gedanken oder fehlender Liebe, begründen mit der Quantentheorie, wie man sich seine eigene Wunschrealität herbeidenken kann, führen direkte „Gespräche mit Gott“ und wissen meistens auch, wie wir gleich die ganze Welt retten können.
Ich dagegen möchte auf etwas Reiferes, Umfassenderes und deshalb, wie ich glaube, Wirkungsvolleres aufmerksam machen. Ich möchte Dir die Chance einer Wahlmöglichkeit bieten: Höre auf diese Pseudo-Mystiker und lerne in einem hübschen Wochenendkurs, wie auch Du göttlich werden kannst, oder orientiere Dich an den echten Mystikern, die einen langen schweren Weg gegangen sind, und dir nun empfehlen, diesen Weg auch zu gehen, wenn Du mit GEIST in Kontakt kommen und Dich von Deinen Leiden befreien möchtest.
Was empfiehlt ein Mystiker zu tun?
Nun, man kann viele Wege gehen, um höchste Transzendenz zu erlangen, aber ohne langjährige Meditation wird es kaum klappen, fürchte ich. Im Kern kommt es darauf an, seine eigene Ich-Entwicklung zu beschleunigen, bewusster zu werden. Das verstehen nur wenige, weil sie immer hören oder lesen, dass es doch gerade dieses Ich sei, das schnellstmöglich überwunden und transzendiert werden soll. Solange jedoch dieses Ich substanziell noch unbefriedigte Wünsche und unerkannte Ängste mit sich herumschleppt, solange wird es danach trachten, eben diese zu erfüllen bzw. zu meiden – und so lange wirst Du es schwer haben, das Ego wirklich stabil zu überschreiten. Mit anderen Worten: Die Entwicklung weg vom Personalen hin zum Transpersonalen erfordert zunächst die weitgehende Erfüllung des Personalen, nicht seine Verleugnung. „Du musst erst jemand sein, bevor Du niemand werden kannst“, heißt es oft. Die Handlungsanweisung der Mystiker lautet also etwa so: „Entwickle Lebenskraft und –mut als das Ego, das Du gerade bist, erforsche aufrichtig Deine Ängste und Begierden, erkenne, dass Du all diese Ängste und Begierden hast, nicht aber all das bist, dann löse Deine ausschließliche Identifikation mit Deiner Person und werde zur Person-Plus.“ Das „Plus“ verweist dann auf das Einströmen der höheren Ebenen in Deine Selbsterfahrung, also etwa auf das Einströmen der Seele oder des GEISTES selbst. Ist dies erreicht, und zwar relativ stabil, nicht nur als einmaliger Gipfelzustand, bist Du – wie es die Traditionen seit jeher berichten – von innen her relativ „erleuchtet“, was in etwa bedeutet, dass in Deinem Wesen nun das Licht einer höheren LIEBE aufleuchtet.
Alle Heiler sprechen ja immer von der Kraft der Liebe, die ganz wesentlich sei für Heilungsprozesse.
Ja, nur das wir hier nicht von der selbstbezogenen personalen Liebe, sondern von der allumfassenden transpersonalen LIEBE reden. Der Unterschied zwischen beiden Formen von Liebe ist gewaltig. Und weil beide Formen nur wirken können, wenn sie in Deinem Bewusstsein auftauchen, bedeutet das, dass beide Formen von unterschiedlichen Formen von subtiler Energie begleitet oder unterstützt werden. Warum? Weil Bewusstsein selbst nicht Energie ist, aber begleitet oder unterstützt wird von verschiedenen Energieformen. Man könnte auch sagen: Taucht personale Liebe auf, fühlt das eigene Ego - und zwar hauptsächlich grobstoffliche Energien. Das Ego fühlt sich einfach gut. Taucht dagegen transpersonale LIEBE auf, fühlt die Seele oder GEIST selbst - und zwar hauptsächlich subtile oder sehr subtile Energie. Hier fühlt das Ego fast gar nichts, denn es ist nicht mehr die fühlende, wahrnehmende Instanz.
Wie muss ich mir das vorstellen? Wie fühlt sich Seele oder GEIST an? Woran erkenne ich, an mir selbst oder einem anderen, dass hier nicht die Liebe des Egos, sondern die höhere LIEBE des GEISTES wirkt?
Nun, zunächst einmal sollte ich wissen, dass es beide Formen überhaupt geben kann. Existiert diese Möglichkeit nicht in meinem Bewusstsein, werde ich den Unterschied nicht wahrnehmen. Das mag sich trivial anhören, ist aber enorm wichtig. Denn dann laufe ich Gefahr, egoische Gefühle mit transegoischen Wahrnehmungen zu verwechseln. "Heilig" oder "göttlich" ist dann das, was meinem Ego gut tut - Hauptsache, es fühlt sich "gut" an. Ich werde dann z.B. Wohlgefallen an oberflächlichen Ego-Bündnissen finden, denn hier sagt mir niemand eine begründete abweichende Meinung, die ja mein Ego irgendwie verunsichern könnte. Ich meide also die Chance auf zusätzliche Erkenntnis; ich bin zufrieden mit meinem Ego, das ja ohnehin beinahe "göttlich" ist. Der Mystiker geht einen anderen Weg.
Woran erkennt man die in einem erwachten Menschen sich verkörpernde und ihren Ausdruck findende transpersonale LIEBE des GEISTES? Ich gebe mal einige Hinweise: Sie erscheint in Dir als großes Mitgefühl für alle lebenden Wesen und die Natur, was bedeutet, Du bist wirklich fähig, Dich in die Gefühlswelt anderer zu versetzen und aus ihrer Perspektive zu sehen. Bevor Du auch nur einen Gedanken an Dein eigenes Ego verschwendest, versuchst Du schon zu begreifen, was den anderen wohl umtreiben könnte. Dieses Mitfühlen erfolgt automatisch, sofort, ohne jede Anstrengung. Transpersonale LIEBE kann wahrgenommen werden als eine tiefe Ruhe und Gelassenheit angesichts der Stürme und Widrigkeiten des Lebens. Das Ego wird unruhig, der GEIST nicht. Gestützt von einem klug urteilenden Verstandesgeist wirst Du Dich seltsam freudig ins Leben stürzen und weise Entscheidungen treffen, Entscheidungen, deren große Tiefe darin besteht, dass sie für Dich immer richtig sein werden, weil Du im Antlitz des GEISTES fähig bist, auch im Falschen stets das Richtige zu erkennen. Das Ego zögert, die Seele entscheidet. Das Ego sucht Wissen, die Seele hat schon Gewissheit. Da Du in Dir und in ALLEM die heiligen Formen des formlosen GEISTES erkennst, wird Dir alles heilig sein – was bedeutet, dass Dir nichts Spezielles mehr besonders heilig ist, vor dem Du ehrfürchtig in die Knie gehst und wo kollektive Tabus Dir die Zunge verbiegen.
Der erleuchtete Mystiker schließt nichts aus, weil GEIST alles umarmt, alles einschließt. Er fürchtet nichts, denn es gibt nichts, wovor man sich fürchten könnte. Während etwa das furchtsame Ego dauernd flüstert: „Oh Gott, eines Tages muss ich sterben“, lächelt der Wissende, denn er weiß, dass er eines Tages sterben darf, nicht, um „erlöst“ zu werden, sondern um gestärkt und „erfrischt“ wiederzukommen. Ich meine, das sollte deutlich machen, wie groß in etwa der Unterschied zwischen Ich und ICH, zwischen Ego und SELBST, zwischen Liebe und LIEBE ist.
Ich möchte noch mal zurück zu den Heilungsprozessen. Habe ich recht verstanden, dass der, nennen wir ihn den „mystischen GEISTheiler“, dass dieser Heiler irgendwie „besser“ heilen kann als ein „normaler“ Geistheiler?
Nein, zwangsläufig ist das nicht. Sagen wir so: Der mystische Heiler wird weniger Schaden anrichten. Die enorme Bedeutung dieser Handlungsanweisung für Heilungsprozesse hat schon Hippokrates erkannt. In den verschiedenen Versionen des Hippokratischen Eides wird deutlich, dass es ihm absolut klar war, dass es in der Heilkunde zwei Möglichkeiten gibt, Schaden zuzufügen: Begehungssünden und Unterlassungssünden. Ein Heiler kann einem Patienten mit dem, was er weiß, Schaden zufügen; doch noch mehr mit dem, was er nicht weiß.
Und das bedeutet?
Das bedeutet, dass viele Heiler aus ihrem Ego und der edlen Absicht heraus, wirklich helfen zu wollen, entweder zu viel des Guten versuchen – die Begehungssünden – oder zu wenig, was uns zur Unterlassungssünde führt. In beiden Fällen werden Heilungsprozesse nicht gefördert, sondern eher behindert. Und das sollte, da dürften wir wohl übereinstimmen, in jedem Falle vermieden werden.
Ein Beispiel für beide Sünden liefert uns die vermeintliche Rolle des Geistes oder der Seele bei einer körperlichen Erkrankung: Wohl die meisten Patienten und vermutlich alle Heiler wissen um die Existenz der immer noch mysteriösen Verbindung zwischen fühlendem Subjekt und materiellem Körper. Eine Erkrankung des Körpers kann danach immer auch als ein hinweisendes Symptom auf die höheren Ebenen des Geistes und der Seele gedeutet werden. Der Patient weiß oder erahnt zumindest: „Ich, als denkendes, fühlendes, handelndes Subjekt, bin nicht gänzlich unbeteiligt an diesem körperlichen Symptom.“ Der Heiler weiß häufig mehr: Ihm ist völlig klar, dass Geist und Körper nicht getrennt betrachtet werden können, ganz einfach deshalb, weil beide nicht getrennt sind: Jeder Geist hat seinen Körper, beide tauchen – in verschiedenen Formen – immer zusammen auf oder eben gar nicht. Diese innige Verbindung zwischen Innen und Außen, zwischen Geist und Körper, induziert quasi automatisch den Gedanken, dass eine qualitative Veränderung des Geistes positive, also heilende, Auswirkungen auf den Körper haben könnte. Recht so, dafür gibt es eine Fülle von wissenschaftlichen Belegen. Doch jetzt kommt die Begehungssünde des Heilers: In der Absicht, den Patienten auf die helfende Kraft seines Geistes aufmerksam machen zu wollen, verweist der Heiler im Gespräch mit dem Patienten auf mögliche geistige Fehler oder Verirrungen, also „falsches, krankmachendes“ Denken und Fühlen – und gibt dann Anweisungen oder Hinweise auf „richtiges“ Denken, auf irgendwie „positives“ Denken. Diese Vorgehensweise löst einen ganzen Rattenschwanz von Problemen aus.
Was läuft hier falsch und welche Probleme wären das?
Nun, es beginnt schon meistens mit einer groben Unterlassungssünde: Der Heiler unterlässt es, die vorherige Zustimmung des Patienten zu einem Gespräch über die möglichen geistig-seelischen „Verursacher“ einzuholen. Stattdessen lenkt er das Gespräch mehr oder weniger direkt auf dieses Thema – oder lauert sprungbereit auf irgendeine Bemerkung des Patienten, um dann loslegen zu können. Hier zeigt sich keine aufbauen wollende LIEBE, sondern subtil beherrschen wollende Selbstliebe. Platt gesagt: Das Ego des Heilers möchte sein Bücherwissen loswerden, das ist Zweck der ganzen „Hilfe“. Das Heiler-Ego möchte sich helfen, nicht dem Patienten.
Dann geht es weiter mit der nächsten Unterlassungssünde, nämlich mit dem ganz wichtigen und zumeist nicht kommunizierten Hinweis, dass die geistig-seelische Befindlichkeit den körperlichen Zustand beeinflusst, nicht aber erzeugt. Fehlt dieser Hinweis, läuft das angeblich „heilende“ Gespräch ungebremst und unerkannt in Richtung einer subtilen Schuldzuweisung an den Erkrankten. Der Heiler mag das gar nicht beabsichtigen, aber versetze Dich einmal in das Innere des Patienten, der sich vielleicht schon seit Jahren den Kopf darüber zerbricht, wie er diese Krankheit bewältigen könnte! Und nun hört er, ungefragt und nicht hinreichend aufgeklärt, dass es doch tatsächlich seine eigenen Gedanken seien, die hier eine wesentliche, beinahe schon Krankheit erzeugende Rolle spielen. Das ist grausam verletzend, nicht behutsam heilend.
Es muss also – als strenges Gebot formuliert – dem Patienten unmissverständlich klar sein, dass er jetzt selbst gerne über seine Art zu denken und zu fühlen, reden möchte. Es muss ihm weiterhin völlig klar sein, dass es eine Verbindung zwischen Geist und Körper gibt – aber mehr eben auch nicht. Es muss ihm klar sein, dass er selbst beeinflussen kann, ja, aber vor allem, dass er nicht der alleinige Verursacher seiner Krankheit ist (von ganz seltenen psycho-pathologischen Ausnahmen abgesehen, die dann aber nicht in die Hände eines Heilers, sondern in die eines Psychotherapeuten gehören).
Ich möchte gar nicht wissen, wie viel kranke Menschen derartig „behandelt“ wurden und beladen mit halbseidenen Vorschlägen für „gesundes“ Denken ihren Heiler verlassen – nur um, wen wundert’s, nach Monaten angestrengten neuen Denkens und Fühlens, festzustellen, dass die beschissene Krankheit immer noch da ist. Möchte nicht wissen, wie diese armen Leute sich nun fühlen.
Einem GEISTheiler würde so etwas nicht passieren?
Niemals, da kannst Du sicher sein. Weil er fähig ist, genau die negativen Folgen einer solchen Vorgehensweise zu erkennen, ja fast schon mitzufühlen, wird er alles tun, um diese Sünden nicht zu begehen. Insoweit schadet er dem Heilungsprozess nicht, im Gegenteil, er fördert ihn.
Was macht er anders?
Er hilft nicht mit der zumeist hoffnungslos egozentrischen Kraft des Geistes, sondern mit der erkennenden und befreienden Kraft des GEISTES. Hat er die Zustimmung des Patienten, wird er fragen und zuhören – nicht deuten und erzählen. Durch behutsame Hinweise wird er das Bewusstsein des Kranken aufmerksam machen auf bislang nicht gewürdigte Perspektiven. Dies wird er durch hinweisende Fragen machen, nicht durch anleitende Imperative. Er wird also etwa fragen: „Dieses Gefühl von Schlappheit, von Kraftlosigkeit, von dem Sie berichten, könnte das auch andere Ursachen haben als das Energiedefizit, welches Sie vermuten? Könnte es auch sein, dass Sie nicht zu wenig Energie haben, sondern eigentlich völlig ausreichende Energie, die vielleicht bloß irgendwo und irgendwie blockiert sein könnte?“ Mit dieser hinweisenden Frage erlaubt der Heiler dem Patienten, weitere Perspektiven in Betracht zu ziehen. Er sagt nicht: „Ich glaube, dass Sie ausreichend Energie haben, aber hier und dort blockiert sind“, was schon wieder eine herrschen wollende Anmaßung wäre, sondern er überlässt es dem Patienten selbst, aus sich heraus seinen inneren Wahrheiten näher zu kommen.
Der GEISTheiler weiß: Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob ein Mensch selbst erkennt und ausspricht, was er tief in sich fühlt – oder ob es ihm in den Mund gelegt wird. Der Unterschied ist exakt der zwischen Selbstbefreiung und Fremdsteuerung, oder kürzer: zwischen Heilung und Krankheit.
Es wird immer von diesen seltsamen Energien gesprochen. Gibt es einen Unterschied zwischen den Energien, die ein Geistheiler benutzt und denen, mit denen ein GEISTheiler arbeitet?
Ja sicher, denn jeder Geist hat seinen Körper, hat seine Energie. Im Alltag spürt das jeder: Jeder Mensch fühlt sich irgendwie anders an. Weil jedes Ego, jedes Bewusstsein, mit einem Spektrum eigener Energien einhergeht. Ein Beispiel für unterschiedliche Energien habe ich gerade gegeben, als wir über den Unterschied zwischen ego-geleitetem und GEIST-geleitetem Dialog sprachen. Im Verhältnis zwischen heilendem Mystiker und Patient entsteht eine völlig neue Verbindung, eine von allen Beteiligten spürbare Kraft oder Energie. Es ist schwer, dies zu beschreiben, aber wenn man geschult ist in der Wahrnehmung höherer oder sehr subtiler Energien, dann kann man spüren, dass gleich etwas Befreiendes, etwas Heilendes, etwas Ganzmachendes passiert - im eigenen Bewusstsein. Du kannst „es“ kommen sehen. Im Gesicht des Patienten. In seinen Augen. An der besonderen Atmosphäre im Raum. Jeder spürt dies. Es hat etwas Magisches. Diese Energie zeigt sich immer dann, wenn es einem Menschen gelingt, sich selbst zu erkennen, auf etwas Wichtiges IN SICH SELBST zu stoßen – und dies durch eigene Kraft, durch eigenes Bewusstsein, nur unterstützt durch die sanften Hinweise des Heilers, der schon dort gewesen ist, wo der Patient nun angelangt. Wenn ein GEISTheiler etwa seine Hand auflegt, spürt der Patient Wärme – die er vermutlich auch bei jedem anderen geschulten Heiler spürt. Es handelt sich hier um grobstoffliche Energie, also Körper-Energie, die wichtige Heilungsprozesse auslösen kann. Aber beim GEISTheiler spürt der Patient noch eine ganz andere, eine zusätzliche Wärme, die nicht von den Händen ausgeht, sondern vom Wesen des Heilers selbst, von seinem Herzen. Diese „Wärme“ kann physikalisch nicht gemessen, aber mit dem eigenen Herzen gespürt werden.
Lass mich raten: Diese Wärme hat etwas zu tun mit dem transpersonalen, mit dem ego-losen Zustand des Mystikers, der den denkenden Geist transzendiert hat und in Kontakt ist mit der höheren LIEBE des GEISTES?
Besser hätte ich es nicht sagen können, vielen Dank. Diese Wärme ist nichts anderes, als die Wärme, die der Mystiker in und für sich selbst empfindet. Er erkennt im anderen sich selbst - es gibt nur einen GEIST - und so liebt er tatsächlich "den Nächsten so, wie Du Dich selbst liebst."
Dieser heilende Zustand des erwachten Mystikers ist allerdings nicht, wie Du in Deiner Frage formuliertest, "ego-los", denn ohne sein Ego, ohne sein Ich zu leben und zu agieren, ist schlichtweg unmöglich. Der Mystiker handelt gerade nicht "ohne Ego", er handelt 100 %ig bewusst aus einem "erhöhten" Ego, aus einem erwachten Ego, aus einem Ego, das nicht mehr nur Person ist, sondern Person-Plus. Mensch plus GEIST, grobstoffliche Energie plus subtile plus kausale Energie, so etwa ...
Ob diese zusätzlichen Energien, mit denen der Mystiker in Kontakt ist, Krankheiten schneller und besser heilen können, vermag ich nicht zu sagen. Gelegentlich denke ich an den Mystiker aus Nazareth, und erahne, was möglich sein könnte, wäre man dauerhaft in stabiler Gottunmittelbarkeit. Aber eines scheint mir sicher: Der Mystiker, der aus der Kraft des GEISTES heraus agiert, richtet weit weniger Schaden an – und allein dadurch ermöglicht er heilende Prozesse. Bezogen auf die Welt des Managements könnte man sagen, er führt nicht, indem er andere motivieren möchte, er führt, indem er aufhört, andere zu demotivieren. Er produziert keinen hemmenden Ballast, er nimmt den Menschen so, wie er nun einmal ist – und nicht, wie er ihn gerne haben möchte. Er überträgt auf subtile Weise eine Form von „Gesundheit“, von Ordnung und Harmonie, weil er selbst in sich diese Ordnung und Harmonie mehr oder weniger stabil verkörpert. Seine Energien beeinflussen den Patienten – das ist gewiss. Wie weit das führen kann, ist offen und muss von der Zukunft offenbart werden. Der Weg dorthin ist jedoch schon vorgezeichnet: Es ist der Weg nach innen, der Weg der Mystiker, der Weg der Selbsterfahrung und Selbstbefreiung. Erkenne den GEIST in Dir und Dich als die einzigartige Herrlichkeit des GEISTES – und alles Leiden hat ein Ende.
Höre genau hin: Alles „Leiden“ hat ein Ende, nicht aber jede Krankheit. Auch der Mystiker erkrankt irgendwann, er „darf“ sterben – aber er leidet nicht an seiner Krankheit, leidet nicht an seinem Tod. Das tut nur das Ego. Wir müssen uns auf den Weg machen: nicht weg vom Ego, sondern darüber hinaus. Nicht ohne Ego, sondern liebevoll umschlossen mit ihm. Das ist in etwa, was ich als meinen Beitrag zur Befreiung, zur Linderung des Leids in der Welt, beisteuern möchte.
Vielen Dank, Carsten.
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