CARSTEN RACHOW GEISTiges Heilen

Das wahre, bezeugende, unsterbliche ICH-Ich

(Interview mit meinem Selbst.

Über Fragen, die mir gestellt wurden und die ich mir selbst stellte.

Mit Antworten, die ich selbst und die Fragenden als hilfreich empfanden.

Stand: Februar 2010, Carsten Rachow, Frankfurt am Main)

 

Carsten, was genau ist ZEUGEN-Bewusstsein? Woran erkenne ich es? Und was bringt es mir, den ZEUGEN gefunden zu haben?

Willst Du die lange oder die kurze Geschichte …

 

Zuerst die kurze Geschichte, bitte.

Nun gut. Antwort eins lautet: Subjektpermanenz. Antwort zwei lautet: Wenn Du im Wach-, im Traum- und im Tiefschlafzustand durchgehend und konstant bei Bewusstsein bist. Antwort drei: Fülle und Freiheit, Leere und Form, Unsterblichkeit und Sterblichkeit. Zufrieden?

 

Ich hätt’ dann doch gerne noch die lange Geschichte …

Warum habe ich bloß gewusst, dass Du sie auch noch hören möchtest? – Okay, beginnen wir „von vorn“, am Anfang: Was genau ist der ZEUGE, die ZEUGIN? Nun, wenn Du diese Buchstaben betrachtest, die Du gerade liest, würdest Du dann sagen, dass Du identisch bist mit diesen Buchstaben? Dass Du diese Buchstaben bist?

 

Das ist jetzt nicht Dein Ernst … Oh, doch. - Also, ich sag’ mal: Nein, ich bin nicht diese Buchstaben. Richtig?

Richtig. Und sehr, sehr wichtig. Du bist auch nicht das Auto gegenüber, der Baum nebenan oder der nette Nachbar oben drüber. Warum? All diese „Dinge“ kannst Du beobachten, kannst Du wahrnehmen. Es gibt – allgemein formuliert – ein beobachtendes Subjekt und all die beobachteten Objekte. Du bist das beobachtende Subjekt, das Ich, das wahrnimmt, und alles andere sind die beobachteten Objekte. Und der Rest ist ziemlich einfach: Alles, was ich beobachten, wahrnehmen, erkennen oder erfühlen kann, all das kann ich nicht sein – denn ich bin der Beobachter, der Wahrnehmer, der Fühler, oder einfach: der Zeuge all dessen.

 

Bis hierhin kann ich folgen, glaube ich.

Prima. Nun benutze Deine volle mentale Kraft für den nächsten Schritt: Genau so, wie Du die Buchstaben bezeugen kannst, kannst Du Deinen Körper bezeugen. Genau so, wie Du den Baum beobachten kannst, kannst Du Deine Gefühle beobachten. Genau so, wie Du den Nachbarn betrachten kannst, kannst Du Deine eigenen Gedanken betrachten. Und das bedeutet: All das bist Du ebenfalls nicht. Du bist nicht Dein Körper, nicht Deine Gefühle, nicht Deine Gedanken – weil Du all das beobachten und bezeugen kannst. Du bist das bezeugende Subjekt, nicht der bezeugte Körper.

 

Ich bemühe mich … Es klingt logisch, aber es ist auch irgendwie … ungewohnt?

Als Du 8 Jahre alt warst, war die Existenz einer negativen Zahl, sagen wir -1, auch irgendwie ungewohnt, nicht wahr? Und doch vergeudest Du heute keinen Gedanken mehr daran, die Existenz negativer Zahlen anzweifeln zu wollen. Wenn Du den ZEUGEN erst einmal in Deinem Bewusstsein hast – was genau genommen seit diesem Gespräch der Fall sein wird -, wird er sich in Dir entwickeln und zur ständigen Gewohnheit werden.

 

Du bist nicht Carsten Rachow, Du bist der ZEUGE. Du bist bezeugendes SUBJEKT. Wenn Du konstant in der Lage bist, die drei großen Hauptzustände Deines Bewusstseins zu bezeugen, also wachen, träumen und tiefschlafen, dann hast Du Antwort eins und Antwort zwei: Subjektpermanenz in allen drei Zuständen. Du bist dann das permanent bezeugende Subjekt. Das große ICH hinter oder über dem normalen Ich. Das ICH-Ich. Dieses konstante und bezeugende Bewusstsein tritt oft nach vielen Jahren der Meditation auf. Der ZEUGE selbst kann ziemlich schnell erfahren werden; aber ein stabiles und konstantes Zeugen-Bewusstsein braucht einfach seine Zeit. In meinem Fall waren es 12 oder 13 Jahre Meditation.

Zu erkennen ist dieser Zustand dann sehr einfach: Du bist im Wachzustand bewusst, und wenn Du dann einschläfst und zu träumen beginnst, bleibst Du auch während des Träumens bewusst. Das ist etwa so wie luzides Träumen, wo man sich während des Traumes völlig klar darüber ist, dass man gerade einen Traum erlebt – und dann häufig versuchen will, ein wenig aktiv zu werden und den Traum zu manipulieren. Im Zeugen-Bewusstsein hingegen möchtest Du das nicht; Du bezeugst den Traum, gleich, ob er guten oder schlechten Inhaltes ist. Man könnte den eigenen Traum manipulieren, aber man will das gar nicht. Du beobachtest einfach nur, wunschlos, mühelos.

Irgendwann gehst Du dann in den traumlosen Tiefschlaf ein – bei völlig klarem Bewusstsein. Du bist immer noch reines Zeugen-Bewusstsein, Du gewahrst einfach weiter, was da so erscheint. Es ist jetzt im Zustand des Tiefschlafs nur so, dass da nichts mehr erscheint. Keine Objekte. Nichts mehr, was Du bezeugen könntest. Im Tiefschlaf tauchst Du ein in eine unendlich weite Leere ohne jeglichen Inhalt. Die meisten Menschen sind hier ohne jedes Gewahrsein, ohne Bewusstsein – weil sie den Beobachter in ihnen noch nicht trainiert, noch nicht stabilisiert haben. Was Du hier völlig bewusst „beobachtest“, kann nicht beschrieben werden, denn eigentlich beobachtest Du hier nichts, es gibt hier keine beobachtbaren Objekte, keine Traumgestalten, keinen Körper, nichts. Um etwas beschreiben zu können, braucht es aber Eigenschaften, Inhalte, Objekte eben. Du siehst eigentlich nichts, Du „siehst“ eigentlich nur Dich selbst – was natürlich nicht möglich ist. Du siehst nichts Bestimmtes, Du fühlst nichts Spezielles – aber Du bist Dir bewusst, dass Du bewusst bist. Und genau das bist Du dann auch: Bewusstsein, reines, nicht-duales Bewusstsein, sehr klar, sehr frei, sehr weit.

Alle Worte, die ich hier benutze, um diesen Zustand zu beschreiben, treffen nicht zu, sondern sollen lediglich hinweisende Orientierungen sein. Reines Bewusstsein selbst ist nicht qualifizierbar, weil es nicht-zwei ist: Subjekt ja, Objekt nein. Und Du bist exakt das. ICH BIN. Niemals warst Du etwas anderes.

 

Alles andere waren nur Objekte? Mein Name, mein Job, meine Kinder, meine Karriere, mein Körper, meine Krankheit – alles nur Objekte?

Alles nur beobachtete Objekte in der unendlichen Weite des Bewusstseins, dass Du wirklich bist. Ja. Und Du warst – im Laufe Deines Lebens - immer genau das, womit Du Dich am meisten identifiziert hast. Du bist nur dann Dein Name, Deine Karriere, Deine Krankheit, wenn Du Dich genau damit identisch machst, wenn Du das Objekt zum Subjekt machst. Ich aber fordere Dich auf, Dein subjektives Sein zum Objekt zu machen. Beobachte Deinen Körper, aber sei nicht Dein Körper. Bezeuge Deine Karriere, aber sei nicht Deine Karriere. Bezeuge Deine Krankheit, aber sei nicht Deine Krankheit. Du leidest an Deinen Gefühlen? Dann nur deshalb, weil Du in diesem Augenblick Deine Gefühle bist. Du bist dann fühlendes Subjekt, Du identifizierst Dich dann mit diesem Gefühl. Mache es zum Objekt Deiner Wahrnehmung, und es verliert seine Kraft – Du ent-identifizierst Dich durch den Akt der Objektivierung. Bis, auf der höchsten und reinsten Ebene, nur noch SUBJEKT übrig bleibt.

 

Das ist doch alles sicher reine Gedankenakrobatik, oder? Man denkt bloß, man sei das alles nicht, in Wahrheit ist man es aber doch? Ich bin doch schließlich mein Körper, ich bin doch schließlich, was ich denke und fühle?

Ich erwarte keinen Glauben. Du musst kein Wort glauben von dem, was ich hier erzähle. Was ich jedoch erwarte, ist, dass Du das Experiment machst. „Schau’ selbst nach.“ Und dann komm’ wieder und erzähle mir, was Du erfahren hast. Seit 3000 Jahren erzählen alle Mystiker in etwa das Gleiche, kulturübergreifend, zu jeder Zeit, an jedem Ort: „Du bist nicht Dein aktuelles Ich. Du bist das ICH-Ich.“ Dein wahres Wesen, Deine wahre Natur ist dieses reine bezeugende Bewusstsein. Dein Ich leidet, Dein Ich wird sterben; Dein ICH leidet nicht und stirbt nicht. Ich finde, ein lohnender Anreiz für ein kleines Selbst-Experiment, nicht wahr?

 

Was muss ich tun?

Mache Dir bewusst, was ich Dir eben erzählt habe – und beobachte. Schließe Deine Augen, sage Dir in Gedanken Deinen Namen – und beobachte, wie der Gedanke kommt und geht. Dann beobachte die „Lücke“ zwischen Deinen Gedanken, die Pause oder Leere, in der kein neuer Gedanke erscheint. Übe Dich darin, diese Gedankenlücke zu vergrößern. Zwei Minuten, fünf Minuten. Das ist nicht einfach, fünf Minuten ohne Gedanken. Dein Geist ist immer aktiv, will immer irgendeinen Gedanken produzieren. Stoppe diese Aktivität. Vergrößere die Lücke. Und dann betrachte die Lücke. Nun bist Du in einem Wachzustand, der fast keine Objekte mehr liefert. Du spürst noch Deinen Körper, Du registrierst noch, wie Du Dich gerade fühlst – aber all das lässt nach. Und dann, wenn Deine Aufmerksamkeit nicht mehr von irgendwelchen Objekten absorbiert wird, wird Dir bewusst, dass da jemand sein muss, der aufmerksam ist. Wer beobachtet hier? Wer sieht die Lücke? Dann bist Du beim Zeugen, beim absichtslosen Gewahren, beim reinen Bewusstsein.

Mache das immer wieder, solange, bis Du eine Stunde, dann einen Tag, dann Tag und Nacht konstant aus dem Zeugen heraus die Welt beobachtest. Und dann komm’ wieder und wir unterhalten uns weiter, okay?

 

Du willst also sagen, dass all das sehr real, sehr wirklich, überhaupt keine Gedankenakrobatik, überhaupt keine Spinnerei ist?

Es ist keine Spinnerei, keine Poesie, kein Wunschkonzert – sondern konkrete und erfahrbare und reproduzierbare Erkenntnis. Etwa so, als ob ich Dir ein Glas Wasser ins Gesicht schütte. Konkret. Erfahrbar. Reproduzierbar. Und jeder, der das Wasser-Experiment gemacht hat, wird professionell erzählen können, wie sich Wasser im Gesicht anfühlt. Mache das Zeugen-Experiment …

 

Vielleicht sollte ich doch damit beginnen …

Wenn Meditierende beginnen, den Zeugen wahrzunehmen, entwickelt sich häufig recht schnell die Fähigkeit zu einem ausgeprägten Gleichmut. Man bezeugt etwa Freude und Schmerz gleichermaßen und in zunehmender Weise „einfach so“, ohne Zögern, ohne Vermeiden-Wollen, aber auch ohne Annehmen-Wollen. In Folge dessen wird der grobstoffliche Wachzustand immer „subtiler und feinstofflicher“, immer traumartiger. Das eigene Leben und das Leben aller anderen beginnt plötzlich wie ein einziger großer Film auszusehen, und man selbst ist einfach der unbewegte Zeuge, der sich diese ganze Vorstellung ansieht: Vorhang auf, Vorhang zu, Vorhang auf … Du spürst Glück – und Du bist nicht das Glück, sondern Zeuge des Glücks. Du spürst Trauer – und Du bist nicht die Trauer, sondern Zeuge der Trauer.

Von Wilber stammt der schöne Satz: „Im Auge des Hurrikans bist Du sicher.“ Du wirst von einem tiefen Frieden erfüllt, von einer seltsamen Leichtigkeit. Du veranstaltest nicht mehr so schnell einen Aufruhr. Nun ist es aber nicht so, dass Du nicht mehr fähig wärst, Freude, Schmerz, Verlangen oder Trauer und Wut zu empfinden. All das empfindest Du weiterhin, aber Du bist davon nicht mehr in Deinem Sein, in Deiner Existenz berührt. Wenn Du beginnst, den Zeugen in Dir zu stärken, gewahrst Du einfach völlig anstrengungslos den „Film des Lebens“ – entspannt im Sessel ruhend und eine Tüte Popkorn in der Hand …

 

Und dann passiert etwas ganz Erstaunliches: Du bezeugst nicht nur passiv gewahrend den Film des Lebens, Du wirst nun aktiv, wirst zum Regisseur und zum Darsteller in einer Person. Und, seltsam, Du wirst dies kräftiger, klarer, intensiver als je zuvor. Warum ist das so? Nun, weil all das, was Dich früher daran hinderte, Dein ganzes Wesen mit all seinen einzigartigen Fähigkeiten aktiv einzubringen, seine hemmende Kraft verloren hat. Angst vor der freien Rede? Noch da, okay, aber nicht mehr bremsend. Angst vor Kritik? Noch da, okay, aber Du erinnerst Dich, dass Du diese Angst nicht bist. Zitternde Stimme? Verschwunden, stattdessen trägt Dich nun eine tiefe Welle aus Klarheit, Wahrheit und Gewissheit. Mit anderen Worten: Deine Lust zur Intensität nimmt nicht ab, sie nimmt spürbar zu. Und Du als das bezeugende ICH-Ich, Du spürst Dich ohne Unterlass als ein leichtes Lächeln, als ein aus der puren Freude am Spiel geborenes Schmunzeln. Freude kommt und Freude geht – Du lächelst. Schmerz kommt und Schmerz geht – begleitet von einem leisen Lächeln. Alle Objekte ziehen an diesem bezeugenden Lächeln vorüber. „Werdet Vorübergehende“, offenbarte Jesus seinen Jüngern. „Hängt nicht an den Dingen, identifiziert euch nicht mit ihnen.“ Warum? „Denn das Himmelreich ist inwendig in euch.“ – Alles wird völlig klar, wenn man den Zeugen wahrgenommen und gestärkt hat …

 

Puuh … Ich beginne zu ahnen, worauf Du da verweist, aber ehrlich gesagt, ich vermag Dir lediglich glauben zu wollen, weil Du so ein netter Kerl bist. Mitreden kann ich hier nicht wirklich. Ich möchte gerne etwas Gescheites sagen, kann es aber nicht. Das alles ist mir neu.

Das mit dem netten Kerl gebe ich gerne zurück, vielen Dank. Deine Feststellung, dass Du gerne etwas Gescheites zu diesem Thema beitragen möchtest, dies aber irgendwie nicht kannst, ehrt Dich. Denn tatsächlich ist es Dir völlig unmöglich, hier irgendeinen sinnvollen Beitrag zu liefern. Diese Ebene des Bewusstseins ist noch nicht in Dir aufgetaucht, die Welt, wie man sie von dort aus erfährt, existiert nicht für Dich. Du hörst meine Worte, meine Hinweisungen, aber sie bleiben mehr oder weniger ohne Bedeutung für Dich. Es ist etwa wie beim Hören einer fremden Sprache: Du hörst, wie die Einheimischen, den Klang der Worte, aber Du bist nicht in ihrer Kultur, in ihrer Innerlichkeit, Du kennst nicht die innere Bedeutung der gehörten Worte. Erst später, wenn auch Du Teil dieser Innerlichkeit geworden bist, teilst Du mit allen anderen die Bedeutungsinhalte dieser Sprache. Um die Sprache des Zeugen mit Bedeutung füllen zu können, musst Du in der Kultur des Zeugen sein. Du musst hier keine Fremdsprache erlernen, Du musst zum Zeugen werden. Und dann wirst Du mitreden können …

 

Und ich werde dann das Gleiche erzählen wie Du?

In etwa. Alle innere Erfahrung wird und muss gedeutet werden auf Basis der Bewusstseinsstufe, auf der sich Dein Selbst schwerpunktmäßig befindet. Der Kontakt mit dem Zeugen verändert Dich, verlagert Deinen Schwerpunkt „nach oben“, aber nicht von Dienstag auf Mittwoch. Dein bisheriges Ego, Deine bisherige Weise, in der Welt zu sein, bleibt Dir erhalten. Aber Du beginnst nun, die Welt und Deinen Platz in dieser Welt anders wahrzunehmen. Deine Ich-Entwicklung beschleunigt sich. Dabei kann und wird immer noch vieles schief gehen, vieles mit Arbeit, Schweiß und Tränen verbunden sein. Aber es zertrümmert Dich nicht mehr, blockiert Dich nicht mehr, wirft Dich nicht mehr zurück, zerstört nicht mehr den Sinn Deines Daseins. Der Zeuge lockert Deine Identifikationen mit allen Objekten – und irgendwann wirst Du mehr oder weniger stabil konstant aus der Haltung des lächelnden Zeugen in der Welt sein.

Oder besser: Die Welt wird in Dir sein. Dein Körper ist im Geist, Dein Geist ist in der Seele, Deine Seele ist im Zeugen und der Zeuge schließlich ist im GEIST, der der nicht-duale Urgrund, die Quelle allen Seins ist, die Vereinigung von unendlicher Leere und unendlicher Formenvielfalt.

 

Genau das hat uns ein alter Freund vor langer Zeit schon berichtet: "Ich bin das All. Das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt ..." Und um es ganz klar zu sagen, fügte er noch hinzu: "Spaltet das Holz - und ich bin da. Hebt den Stein auf - und ihr werdet mich dort finden." Diese "geheimen" Jesus-Worte aus dem mystischen Thomas-Evangelium könnten nicht eindeutiger sein, nicht wahr?

 

Im Zeugen und als Zeuge bist Du das All - die Welt ist in Dir. Eine kleine Übung wird Dir einen Vorgeschmack liefern auf meine Aussage, nicht Du seiest in der Welt, sondern die Welt sei in Dir. Wenn Du einigermaßen stabil im Zeugen ruhen kannst und etwa Auto fährst, dann scheint es so, als ob sich die Straße und die Landschaft durch Dich hindurchbewegt. Nicht Du bewegst Dich im Auto, sondern alles Äußere bewegt sich durch Dich. Du selbst bist der ruhende, unbewegte Zeuge. Diese Erfahrung ist sehr authentisch. Du kannst sie auch beim Joggen machen. Und sie hat nichts, aber auch gar nichts mit dem aufgeblähten egozentrischen Narzissmus der Pseudo-Mystiker zu tun, die gerne glauben oder einfach nur denken möchten, sie seien das All. Das große ICH ist eins mit allem; das kleine Ich würde es gerne sein, um herrschen zu können und egoistische Macht ausüben zu können. Hütet euch vor den Jüngern und Jüngerinnen des machtvollen Denkens ...                     

   

Anfangs sagtest Du etwas von Sterblichkeit und Unsterblichkeit, von Freiheit, Fülle und Leere. Was genau meinst Du damit? Bin ich etwa unsterblich?

Welches „Ich“ meinst Du? Dein jetziges Ich oder Ego wird sterben, zweifellos. Es wird genau so sterben, wie es zu Lebezeiten schon mehrfach gestorben ist. Jede Entwicklung hinauf auf eine höhere Ebene von Sein und Wissen ist ein „Absterben“ des Egos, das man auf der niederen Stufe war, und eine Geburt des Egos, das man auf der neuen Stufe sein wird. Welches Ich, welches Ego lebte, als Du 5 Jahre alt warst? Als Du 10 oder 15 warst? Diese Veränderungen vollziehen sich manchmal recht undramatisch, manchmal sind sie auf dramatische Weise spürbar. Die existenzielle „Midlife“-Krise des 45-jährigen ist keine Harmlosigkeit. Hier fühlt das fühlende Selbst, dass der Tod der bisherigen Identifikationen kurz bevorsteht – und leidet bis hinein in die Knochen. Das Ego wird sterben. Aber wenn Du zu Lebzeiten den Zeugen wahrgenommen und gestärkt hast, wirst Du lächeln über all diese Tode. Du bist ja nicht dieses Ego. Oh ja, Du kennst dieses Ego ausgesprochen gut, Du kannst es jederzeit aktivieren und in eine Dir genehme Rolle schlüpfen – aber alles in Dir weiß, dass Du diese Rolle, dieses Ego nicht bist. Du bist der ZEUGE.

 

Als reines bezeugendes Bewusstsein kannst Du den Wach-, den Traum- und den Tiefschlafzustand konstant bezeugen. Was heißt das? Nun, Du erkennst, dass Du selbst all das nicht sein kannst, was in diesen drei Zuständen auftaucht und auch wieder verschwindet. Da taucht Dein im Bett liegender Körper auf, und Du bist das nicht. Da taucht eine subtile Traumgestalt auf, die Deinen „Geruch“ trägt und auf Deinen Namen hört, und Du bist das nicht. All das kommt, all das vergeht. Nur der ZEUGE bleibt. Und ohne auch nur eine einzige Sekunde zu zögern, weißt Du, er bleibt ohne zu sterben.

 

Die unendliche Leere des reinen GEISTES ist die Quelle aller Formen. Alles ist aus GEIST, alles entstammt dieser reinen Quelle. Leere ist Form, und Form ist Leere – auf dieser höchsten Ebene. Das EINE ist in den VIELEN. Und die VIELEN sind das EINE. Gott oder GEIST ist nicht getrennt von irgendeiner Form. Als Zeuge erkennst Du all dies mit einer total sanften und zugleich ungeheuer kräftigen Klarheit: Die Freiheit von allen Formen, allen Objekten, und zugleich die innere Einheit aller Formen, aller Objekte. Leere und Form, Fülle und Freiheit. Formen sterben, die Leere nicht. Fülle verändert sich, die Freiheit des Zeugen bleibt unbewegt. Das Ego stirbt, der Zeuge nicht. Das Ego trauert, der Zeuge lächelt.

„Ich bringe euch eine frohe Botschaft. Freuet euch!“, verkündete Jesus. Das Evangelium, also die „frohe Botschaft“, ist eine Botschaft des inneren Lächelns, der allgegenwärtigen Freude, des inwendigen Gottes. Damals, vor zweitausend Jahren, musste Jesus mit Worten und Gleichnissen sprechen, die innerhalb der damaligen Kultur verstanden werden konnten. Gott als „Vater“ verstand dort jeder. Heute würde er vielleicht so sagen:

 

 

„Freuet euch.

GEIST ist in euch wie er in jedem Stein, in jeder Pflanze und in jedem Tier ist.

Erkenne Dich selbst und Du erkennst das Himmelreich.

Es ist inwendig in Dir. Du selbst bist das Himmelreich.

Werdet Vorübergehende. Haftet nicht an dieser Welt. Bezeugt sie.

Dein Leib wird sterben, aber Du wirst auferstehen.

Höre, schon zu Lebzeiten kannst Du dort sein, wo ich schon bin.“

 

Nun, vielleicht irre ich mich hier auch, und Jesus würde sich heute ganz anders ausdrücken. Wer Ohren hat zu hören, der höre!   

 

Vielen Dank, Zeuge. 

 

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